11. Februar 2020

„Dirigieren ist ein wenig wie Schwimmen“

So mannigfaltig die Art der Instrumente im Orchester, so ist auch die der Gesangsstimmen in einem Chor oder Vokalensemble. Dass dies für den Dirigenten eines Chors eine Herausforderung darstellen kann, liegt auf der Hand. Nicht auf, sondern eher in der Hand desselben liegen andere Fragen: Was macht eigentlich gute Chorleitung aus? Wie bringt man einzelne Stimmen zu einem Ensemble zusammen? Und: Gibt es Unterschiede in der Chor- und Gesangskultur anderer Länder? Gibt es den „Despot“ am Taktstock noch? Im Interview hierzu Chordirigent Benjamin Hartmann.

von Winfried Hyronimus
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Hal­lo Ben­ja­min!

Gu­ten Tag.

Du bist Chor­di­ri­gent! Mit dei­nen Sän­ge­rin­nen und Sän­gern des „Ver­um Au­di­um Vo­ka­len­sem­ble“ bist du ja nun seit ei­ni­ger Zeit über­re­gio­nal un­ter­wegs.

Das stimmt. Letz­tes Jahr ha­ben wir ein schö­nes Pro­jekt mit dem Ti­tel „Nach(t)klän­ge…“ ge­macht, das wir un­ter an­de­rem bei den Mu­sik­ta­gen Süd­pfalz auf­ge­führt ha­ben. Die fast ka­the­dral­haf­te Akus­tik von St. Leo­de­gar in Stein­feld hat uns sehr be­ein­druckt, vor al­lem hat sie per­fekt zu un­se­rem Re­per­toire ge­passt. Mit die­sem Pro­gramm wur­den wir 2019 dann noch in die Stun­de der Kir­chen­mu­sik nach Heil­bronn ein­ge­la­den.

Im Ju­ni hat­ten wir ei­ne in­ten­si­ve Pha­se, weil wir in kür­zes­ter Zeit ein über­wie­gend neu­es Pro­gramm auf­füh­rungs­reif ler­nen muss­ten: „Ver­göt­te­rung“ ist dies­mal das The­ma, es geht um das „An­him­meln“ im dop­pel­ten Sinn: Na­tür­lich in zwi­schen­mensch­li­cher Hin­sicht (mit Stücken aus Scheins Is­raels­brünn­lein, aus Pou­len­cs Sept Chan­sons, viel­leicht kommt auch noch et­was Da­niel-Le­s­ur da­zu), aber auch die Ver­göt­te­rung in geist­li­cher Di­men­si­on: Cre­do von Rauta­vaara oder das ge­ra­de­zu ek­sta­ti­sche IUP­PI­TER von Mi­cha­el Ostrzy­ga.

Beim Chor­fest des Schwä­bi­schen Chor­ver­ban­des im Rah­men der BU­GA Heil­bronn ha­ben wir uns be­son­ders mit Kom­po­nis­ten aus Würt­tem­berg wie Emi­lie Zums­teeg und Jo­hann Ne­po­muk Da­vid be­schäf­tigt. Au­ßer­dem ha­be ich in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten in Cam­bridge zwei klei­ne­re Ver­um-Au­di­um-Pro­jek­te ma­chen kön­nen, und zwar mit tol­len lo­ka­len Sän­ge­rin­nen und Sän­gern aus den be­kann­ten Col­le­ge-Chö­ren wie Tri­ni­ty, Cai­us oder St. John’s.

Die Sän­ger des VA­VE kom­men aus ganz Deutsch­land. Wie fin­det sich so ein En­sem­ble und, viel wich­ti­ger: wie ver­ei­nigt man so vie­le ver­schie­de­ne Stim­men zu ei­nem funk­tio­nie­ren­den Gan­zen?

Nicht nur aus Deutsch­land! Wir hat­ten so­gar Sän­ge­rin­nen und Sän­ger aus Ant­wer­pen oder Inns­bruck mit da­bei. Die Mehr­heit ist na­tür­lich schon aus Deutsch­land, aber wir sind ziem­lich ver­streut zwi­schen Lü­beck, Han­no­ver, Leip­zig, Saar­brücken, Mainz, Stutt­gart etc. Da­her ist klar, dass wir uns nur pro­jekt­be­zo­gen zu un­se­ren Pro­ben und un­se­ren Kon­zer­ten tref­fen kön­nen. Das sind im­mer ziem­lich in­ten­si­ve Ta­ge mit Pro­ben, viel Sin­gen, hof­fent­lich nicht zu viel Pfäl­zer Wein und meist we­nig Schlaf…

Teil­wei­se ma­che ich es auch um­ge­kehrt: Statt die Sän­ge­rin­nen und Sän­ger rei­sen zu las­sen, fah­re ich selbst nach Han­no­ver oder Leip­zig und ma­che dort Vor­pro­ben mit ei­nem Teil des En­sem­bles. Die­se in­di­vi­du­el­le Ar­beit ist si­cher ein Schlüs­sel zu ei­nem ein­heit­li­chen En­sem­ble­klang, da wir dann in­ten­siv an der Ge­stal­tung ar­bei­ten kön­nen, an ein­heit­li­cher Aus­spra­che und Vo­ka­li­sa­ti­on, an ei­nem ge­mein­sa­men Aus­druck und Af­fekt.

„Bei ei­nem Vo­ka­len­sem­ble trägt je­der ziem­lich viel zum End­re­sul­tat bei, wenn wir z. B. 14 Leu­te sind, dann trägt je­der 1/14 der Ver­ant­wor­tung für den ge­mein­sa­men Klang. Das ist ziem­lich viel, denn kei­ner kann sich in der Mas­se ver­ste­cken. Aber dar­in liegt ja ge­ra­de auch der spe­zi­el­le Reiz.“

Bei ei­nem Vo­ka­len­sem­ble trägt je­der ziem­lich viel zum End­re­sul­tat bei, wenn wir z. B. 14 Leu­te sind, dann trägt je­der 1/14 der Ver­ant­wor­tung für den ge­mein­sa­men Klang. Das ist ziem­lich viel, denn kei­ner kann sich in der Mas­se ver­ste­cken. Aber dar­in liegt ja ge­ra­de auch der spe­zi­el­le Reiz: Ich kann mich mit mei­nem in­di­vi­du­el­len Tim­bre und mei­ner Mu­si­ka­li­tät di­rekt in den ge­mein­sa­men Klang ein­brin­gen und wer­de dar­in ge­hört. Wenn al­le stets auf­ein­an­der hö­ren, wird ein ge­mein­sa­mes Gan­zes dar­aus.

Wo­für steht da­bei ei­gent­lich „Ver­um Au­di­um“?

Schön, dass Du Dich da­für in­ter­es­sierst – es ist nicht das ers­te Mal, dass ich das ge­fragt wer­de. Der Na­me kommt viel­leicht an­fangs et­was un­ge­wöhn­lich da­her. Ich such­te nach ei­nem Be­griff, so­zu­sa­gen nach ei­ner kul­tu­rel­len „Dach­mar­ke“, die mei­ne frei­be­ruf­li­chen künst­le­ri­schen Tä­tig­kei­ten bün­delt. Zwei Din­ge ha­ben mich dann zu die­sem Na­men in­spi­riert: Zum einen gibt es ein Zi­tat des rö­mi­schen Phi­lo­so­phen Se­ne­ca, das im großen Saal des Leip­zi­ger Ge­wand­hau­ses ge­schrie­ben steht: „RES SE­VE­RA VER­UM GAU­DI­UM“ – „Wah­re Freu­de ist ei­ne erns­te Sa­che“. Ich kann mich selbst für Al­te Spra­chen be­geis­tern, und als ich zu Stu­di­en­be­ginn in Leip­zig mei­ne ers­ten Kon­zer­te im Ge­wand­haus-Chor sin­gen durf­te, hat mich die­ses Leit­mot­to spon­tan an­ge­spro­chen und in­spi­riert. Ich ha­be das Se­ne­ca-Zi­tat dann noch mit dem Verb „au­dī­re“ – „hö­ren“ ver­bun­den und so wur­de der Kunst­be­griff Ver­um Au­di­um dar­aus. Das Auf­ein­an­der-Hö­ren ist für mich ab­so­lut der Schlüs­sel zu ei­nem ge­lun­ge­nen Mu­si­zie­ren im En­sem­ble und in­halt­lich passt es doch auch sehr gut zu ei­nem am­bi­tio­nier­ten Vo­ka­len­sem­ble: Spaß und Ernst­haf­tig­keit sind gleich­be­rech­tigt mit da­bei.

Ihr habt ja auch ei­ne De­mo-CD ver­öf­fent­licht…

Ja, ge­nau! Als noch jun­ges En­sem­ble woll­ten wir so et­was wie ei­ne klang­li­che Vi­si­ten­kar­te ha­ben, um uns bei Kon­zer­trei­hen oder Ver­an­stal­tern be­kannt zu ma­chen und ins Ge­spräch zu brin­gen. Das Pro­gramm der De­mo-CD stammt von un­se­rem Pas­si­ons­pro­jekt „7x3“ aus dem Jah­re 2017, in dem wir uns mit den Sie­ben Letz­ten Wor­te Je­su am Kreuz aus drei Jahr­hun­der­ten be­schäf­tigt ha­ben… Ich konn­te mei­ne ehe­ma­li­ge Leh­re­rin und pro­fes­sio­nel­le Spre­che­rin An­ne­traud Flitz für die Sprecht­ex­te ge­win­nen und so wur­de ei­ne run­de Sa­che dar­aus.


Knut Nys­tedt: 1. Wort aus: Die Sie­ben Wor­te Je­su am Kreuz op. 171

Vo­ka­len­sem­ble Ver­um Au­di­um, Ltg. Ben­ja­min Hart­mann


Al­bert Be­cker: Die Sie­ben Wor­te des Er­lö­sers am Kreuz op. 85, 4

Vo­ka­len­sem­ble Ver­um Au­di­um, Ltg. Ben­ja­min Hart­mann
Spre­che­rin: An­ne­traud Flitz

„Und als sie ka­men an die Stät­te“ – 1. Wort

„Dar­nach, da Je­sus wuss­te“ – 5. Wort

„Und die Son­ne ver­lor ih­ren Schein“ – 7. Wort


Wie wür­dest du die Zu­sam­men­ar­beit mit ei­nem Ton­meis­ter aus dei­ner Sicht be­schrei­ben? Gibt es da Par­al­le­len zu dei­ner Her­an­ge­hens­wei­se als Di­ri­gent, oder Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ebe­nen die sich als frucht­bar er­wie­sen ha­ben?

Ein gu­ter Ton­meis­ter steht dem Di­ri­gen­ten im­mer mit ei­nem zwei­ten Paar gut ge­schul­ter Oh­ren zur Sei­te, denn vier Oh­ren hö­ren mehr als zwei. Das gilt um­so mehr, je mehr der Di­ri­gent wäh­rend der Auf­nah­me mit Leib und See­le ins Di­ri­gie­ren in­vol­viert ist, als wür­de er „im Kon­zert­mo­dus“ di­ri­gie­ren. Der Ton­meis­ter, meist oh­ne di­rek­ten Sicht­kon­takt, se­pa­rat plat­ziert, ver­sun­ken in No­ten und Kopf­hö­rer, hat dann oft eher die nö­ti­ge kri­ti­sche Di­stanz zum akus­ti­schen Re­sul­tat. Wenn der Di­ri­gent z. B. den großen Bo­gen ei­nes Stücks, Aus­druck und In­ter­pre­ta­ti­on im Blick hat, kann der Ton­meis­ter auf die tech­ni­schen De­tails ach­ten: Stimmt die In­to­na­ti­on (ge­ra­de bei A-cap­pel­la-Auf­nah­men), ist das Tem­po kon­sis­tent, ver­steht man den Text, sind Stör­ge­räusche zu hö­ren, kann man ver­schie­de­ne Ta­kes gut kom­bi­nie­ren oder braucht man den Über­gang da­zu, und so wei­ter. Die Rol­len­ver­tei­lung geht na­tür­lich auch um­ge­kehrt. So ent­steht idea­ler­wei­se die Si­tua­ti­on, dass Di­ri­gent und Ton­meis­ter sich als künst­le­ri­sche Part­ner auf Au­gen­hö­he die Bäl­le ge­gen­sei­tig zu­spie­len.

Das kann für das En­sem­ble auch psy­cho­lo­gisch nütz­lich sein: Da­durch, dass die Rück­mel­dun­gen von zwei Per­so­nen mit an­de­rem Blick­win­kel kom­men und mit un­ter­schied­li­chem Zun­gen­schlag for­mu­liert sind („good cop / bad cop“), kön­nen die Sän­ge­rin­nen und Sän­ger oft bes­ser dar­auf rea­gie­ren. Es gibt nichts Blö­de­res, als sich beim Auf­neh­men to­tal an ei­ner Stel­le fest­zu­bei­ßen und zu ver­ren­nen, denn das hört man spä­ter lei­der auch. In­so­fern tut ein gu­tes Auf­nah­me­team aus Di­ri­gent und Ton­meis­ter auch der Stim­mung wäh­rend der Auf­nah­me­ses­si­on gut.

Wel­chen Stel­len­wert ha­ben für dich Auf­nah­men?

Wie ge­ra­de schon an­ge­spro­chen, kön­nen Auf­nah­men erst ein­mal ein Mit­tel der Öf­fent­lich­keits­ar­beit sein, ge­ra­de wenn ein En­sem­ble noch nicht so be­kannt ist. Aber na­tür­lich sind Auf­nah­men viel mehr als das: Sie bil­den den Ab­schluss ei­ner län­ge­ren Be­schäf­ti­gung mit ei­nem Werk, sie do­ku­men­tie­ren ei­ne per­sön­li­che in­ter­pre­ta­to­ri­sche Sicht auf das Stück und die ei­ge­ne klang­li­che Hand­schrift. Der viel­leicht et­was ab­ge­nutz­te (und bei man­chen Kri­ti­kern auch all­zu leicht­fer­tig ge­brauch­te) Be­griff der „Re­fe­ren­z­auf­nah­me“ weist dar­auf hin, dass Auf­nah­men auch in die Mu­sik­welt hin­ein wir­ken (sol­len), einen tech­ni­schen und sti­lis­ti­schen Stan­dard mar­kie­ren, an dem an­de­re sich ori­en­tie­ren kön­nen. Die vie­len her­aus­ra­gen­den Ori­gi­nal­klang­auf­nah­men der letz­ten Jahr­zehn­te im Be­reich der Al­ten Mu­sik hat­ten si­cher­lich die­se Wir­kung. Aber ich wür­de das nicht zu dog­ma­tisch se­hen: Auf­nah­men spie­geln die Viel­falt der In­ter­pre­ta­tio­nen wi­der, ma­chen un­be­kann­tes Re­per­toire be­kannt und zei­gen, wie un­ter­schied­lich ver­schie­de­ne Klang­kör­per klin­gen kön­nen.

Für das En­sem­ble selbst ist ei­ne Auf­nah­me im­mer ei­ne Her­aus­for­de­rung, da es al­le zwingt, sich noch ein­mal in­ten­siv mit den De­tails der Stücke aus­ein­an­der­zu­set­zen. Man muss künst­le­risch Far­be be­ken­nen, denn blas­se Auf­nah­men will kein Mensch hö­ren. Das ist aber ein Pro­zess, der sich lang­fris­tig lohnt und auch Spaß macht: die bes­ten Kon­zer­te hat­te ich teil­wei­se di­rekt nach ei­ner Auf­nah­me­ses­si­on, als al­le De­tails wirk­lich sa­ßen und im Kon­zert die Mu­sik völ­lig selbst­ver­ständ­lich von der Hand ging.

Ei­ne Auf­nah­me be­deu­tet auch im­mer ei­ne ge­wis­se Kon­fron­ta­ti­on. Ziem­lich häu­fig sind Sän­ger sehr über­rascht oder so­gar scho­ckiert, wenn sie zum ers­ten Mal die ei­ge­ne Stim­me hö­ren. Wie geht es dir da als En­sem­ble­lei­ter?

Für die En­sem­ble­mit­glie­der bei Ver­um Au­di­um ist die Auf­nah­me­si­tua­ti­on in der Re­gel nicht neu und da­her auch nicht so ein­schüch­ternd, weil al­le schon ver­gleich­ba­re Er­fah­run­gen in an­de­ren Chö­ren auf ho­hem Ni­veau ge­macht ha­ben. Ama­teurchö­re muss man un­ter Um­stän­den be­hut­sam auf die­se Kon­fron­ta­ti­on vor­be­rei­ten. Denn na­tür­lich sind Auf­nah­men, das gilt al­ler­dings für al­le Le­vels, manch­mal un­barm­her­zig. Sie ob­jek­ti­vie­ren in ge­wis­ser Wei­se den Hö­rein­druck, in­dem sie vi­su­el­le Ele­men­te weg­neh­men und die emo­tio­na­le Aus­strah­lung zu­min­dest schmä­lern. Bei Sän­ge­rin­nen und Sän­gern gilt mehr noch als bei In­stru­men­ta­lis­ten, dass sie sich selbst aus phy­sio­lo­gi­schen Grün­den an­ders hö­ren als ein ex­ter­ner Hö­rer – die­sen Ef­fekt kennt je­der, der erschrickt, wenn er sei­ne ei­ge­ne Stim­me auf dem An­ruf­be­ant­wor­ter hört. Für En­sem­bles ist das aber ein heil­sa­mer Schock, der dann den Start­punkt für die ei­ge­ne Wei­ter­ent­wick­lung mar­kie­ren muss: Je­der Chor und je­der Di­ri­gent wächst an ei­ner Auf­nah­me.

Wo lie­gen dei­ne Ziel­vor­stel­lun­gen im Chor- und En­sem­ble­klang?

Ich be­mü­he mich, im­mer vom Werk und von der Sti­lis­tik her den­ken: Schütz darf (und muss) an­ders klin­gen als Nys­tedt. In ei­nem Werk der Al­ten Mu­sik, das sehr von Text­de­kla­ma­ti­on und Rhe­to­rik lebt, wäh­le ich schon in der Ein­stu­die­rung einen an­de­ren Zu­gang als bei ei­nem ro­man­ti­schen Chor­satz, bei dem die Klang­ver­schmel­zung einen sehr ho­hen Stel­len­wert be­sitzt. Bei A-cap­pel­la-Wer­ken muss der Chor den Klang in je­dem Mo­ment selbst tra­gen, Vo­kal­klang und Le­ga­tofluss müs­sen al­so die Grund­pfei­ler sein, auf der ich die In­ter­pre­ta­ti­on er­rich­te. Bei Chors­in­fo­nik un­ter­stüt­zen uns die In­stru­men­te bei die­ser Ar­beit, da­her kön­nen und müs­sen wir uns mehr den Kon­so­nan­ten wid­men, Tren­nung und Pro­fi­lie­rung wer­den viel wich­ti­ger.

Wenn man einen ho­mo­ge­nen Chor­klang her­stel­len will, muss man auf ei­ni­ge Grund­pa­ra­me­ter der En­sem­ble­tech­nik ach­ten. Sehr knapp aus­ge­drückt be­deu­tet das, dass al­le zur sel­ben Zeit das­sel­be tun. Wir ver­ein­heit­li­chen al­so un­se­re Aus­spra­che, ins­be­son­de­re die Vo­kal­fär­bun­gen (die auch stark auf die In­to­na­ti­on Ein­fluss ha­ben), un­se­re Dy­na­mik und Phra­sie­rung. Auch die In­to­na­ti­on und Ba­lan­ce in­ner­halb der Stimm­grup­pe sind ganz zen­tral für ei­ne über­zeu­gen­de Klang­mi­schung. Je­de und je­der soll gleich viel bei­tra­gen.

Als Tipp kann ich emp­feh­len, mit ei­ner Stimm­grup­pe oder am bes­ten dem gan­zen Chor be­wusst ein­stim­mig zu sin­gen und die­se ein­stim­mi­ge Me­lo­die rich­tig zu per­fek­tio­nie­ren – in al­len oben an­ge­spro­che­nen Be­lan­gen. Oft ist das har­te Ar­beit und echt schwer zu pro­ben! Je öf­ter man es tut, de­sto mehr schult man das Ohr der Sän­ge­rIn­nen und auch die ei­ge­ne Wahr­neh­mung, wie „mehr­stim­mig“ das Uni­so­no oft klingt.

„Di­ri­gie­ren ist, von der tech­ni­schen Sei­te be­trach­tet, ein we­nig wie Schwim­men: Man kann stun­den­lang die ein­zel­nen Be­we­gun­gen er­klärt be­kom­men und über di­ver­se Schwimm­sti­le phi­lo­so­phie­ren, aber am En­de muss man ins Was­ser.“

Als Di­ri­gent ist man, wie je­der Mu­sik­schaf­fen­de, im ste­ti­gen Pro­zess des Ler­nens und der Wei­ter­ent­wick­lung be­grif­fen. Wie wür­dest du die­sen be­schrei­ben? Gibt es da be­stimm­te Her­an­ge­hens­wei­sen, die ei­nem in der Re­fle­xi­on hilf­reich oder ziel­füh­rend er­schei­nen, oder lernt man aus­schließ­lich durch Er­fah­rung?

Di­ri­gie­ren ist, von der tech­ni­schen Sei­te be­trach­tet, ein we­nig wie Schwim­men: Man kann stun­den­lang die ein­zel­nen Be­we­gun­gen er­klärt be­kom­men und über di­ver­se Schwimm­sti­le phi­lo­so­phie­ren, aber am En­de muss man ins Was­ser. Di­ri­gie­ren lernt man eben­falls haupt­säch­lich in der Pra­xis, durch re­flek­tier­tes Tun. Da­bei ist aber das Tech­ni­sche am Di­ri­gie­ren nur die ei­ne Sei­te der Glei­chung, und aus mei­ner Sicht noch nicht ein­mal die wich­ti­ge­re. Di­ri­gie­ren heißt, ge­stal­ten zu wol­len. Da­für braucht es ei­ne sehr kla­re Vor­stel­lung von der Mu­sik, ih­rer Ge­stalt, ih­rem Klang, ih­rer Aus­sa­ge. Dar­um ist vor der ers­ten Pro­be auch so viel Denk- und Vor­be­rei­tungs­ar­beit am Schreib­tisch nö­tig.

Auch wenn mit der Zeit Er­fah­rungs­wis­sen da­zu­kommt und man auf ein paar be­währ­te Werk­zeu­ge und Re­zep­te zu­rück­grei­fen kann, muss man sich im­mer wie­der die­sen grö­ße­ren Zu­sam­men­hang klar ma­chen und das ei­ge­ne Tun hin­ter­fra­gen. Denn der Grat zwi­schen er­prob­ter Stra­te­gie und ste­reo­ty­per Rou­ti­ne ist oft er­schre­ckend schmal. Für die ei­ge­ne Selbst­kon­trol­le und Selbs­t­re­fle­xi­on ist der Aus­tausch mit Kol­le­gIn­nen sehr nütz­lich, auch ei­ne Vi­deo-Auf­nah­me des Di­ri­gats kann hilf­reich sein – und oben­drein ein klei­ner heil­sa­mer Schock, ähn­lich dem be­reits ge­schil­der­ten.

Als Di­ri­gent ist le­bens­lan­ges Ler­nen über­le­bens­wich­tig: Im­mer wie­der neue Hö­rein­drücke zu sam­meln, an­de­re Auf­füh­rungs­tra­di­tio­nen ken­nen­zu­ler­nen, die Lust auf neue Stücke, neue Her­an­ge­hens­wei­sen und Me­tho­den wach­zu­hal­ten, das ist das Ziel.

Du hast ja bis Ju­ni 2019 in Cam­bridge stu­diert. Wel­che Ein­drücke ge­winnt man dort? Gibt es Be­son­der­hei­ten der dor­ti­gen Ge­sangs- und Chor­kul­tur, die dir bis­lang auf­ge­fal­len sind?

Kein an­de­res Land pro­du­ziert so rou­ti­nier­te Vom­blatt­sän­ger wie das eng­li­sche Chor­sys­tem! Das ist viel­leicht ei­ne Bin­sen­weis­heit, aber es stimmt wirk­lich und hängt mit der dor­ti­gen Aus­bil­dung zu­sam­men: Von klein auf sin­gen al­le „Cho­ris­ters“ selbst­ver­ständ­lich vom Blatt, es wird viel Wert dar­auf ge­legt und die Zeit zum Pro­ben ist no­to­risch knapp. Wer mit den No­ten nicht hin­ter­her­kommt, hat ein Pro­blem.

Im aka­de­mi­sches Um­feld der Uni­ver­si­tät Cam­bridge mit ih­ren 31 Col­le­ges hat sich ein ein­zig­ar­ti­ges Chor­we­sen her­aus­ge­bil­det: Die be­kann­ten Col­le­ge-Chö­re sin­gen drei­mal pro Wo­che oder so­gar täg­lich einen mu­si­ka­li­schen Got­tes­dienst, meist einen „Even­song“ oder ei­ne „Cho­ral Eu­cha­rist“. Da­bei wird viel Vo­kal­po­ly­pho­nie der Re­naissance ge­sun­gen, Wer­ke von Pa­le­stri­na, auch Las­sus, Mon­te­ver­di, Byrd und Tal­lis. Da­ne­ben gibt es ein rie­si­ges Re­per­toire an Ver­to­nun­gen des Ma­gni­fi­cat und des Nunc Di­mit­tis, da bei­des im­mer im Even­songs vor­kommt. Vie­le Wer­ke sind für die Kir­che ge­schrie­ben, oft für Chor und Or­gel.

Klang­lich sind eng­li­sche Chö­re oft mehr oder we­ni­ger be­wusst dem Ide­al des Kna­ben­cho­res nach­emp­fun­den: schlan­ke So­pran- und Alt­stim­men (Letz­te­re zu­meist mit Coun­ter­tenö­ren be­setzt), bril­lan­te und vor­der­sit­zi­ge Tenö­re so­wie sehr so­no­re Bäs­se. Die Män­ner­stim­men ha­ben oft ein er­staun­li­ches Vo­lu­men und so­lis­ti­sches Vi­bra­to, das uns in Deutsch­land viel­leicht be­frem­den wür­de. Man könn­te auch sa­gen, dass es im For­tis­si­mo teil­wei­se an mei­ne per­sön­li­che Gren­ze des gu­ten Ge­schmacks ging… In Sa­chen In­to­na­ti­on gilt: „Bet­ter sharp than out of tu­ne.“

An­sons­ten war mei­ne Er­fah­rung ge­prägt von span­nen­den Leu­ten, die dort stu­die­ren, su­per Leh­rern wie zum Bei­spiel Ste­phen Lay­ton, phä­no­me­na­ler Ar­chi­tek­tur und ed­len Din­ners wie bei Har­ry Pot­ter, nur oh­ne die Eu­len und schwe­ben­den Ker­zen. Man hat­te da­bei so­gar auch Zau­be­rum­hän­ge an, aka­de­mi­sche Ro­ben, so­ge­nann­te „gowns“. Es war ei­ne be­son­de­re Er­fah­rung, die mich sehr be­rei­chert hat!

Un­ter­schei­det sich das Mu­sik­stu­di­um in Eng­land von dem an ei­ner deut­schen Mu­sik­hoch­schu­le?

Cam­bridge ist ei­ne Uni­ver­si­tät und kei­ne Mu­sik­hoch­schu­le, in­so­fern ge­stal­tet sich das Stu­di­um an­ders und hat einen aka­de­mi­schen Schwer­punkt. Mich hat die­se Ver­zah­nung zwi­schen Theo­rie und Pra­xis als Er­gän­zung zu mei­nen Stu­di­en vor al­lem in Leip­zig und Stock­holm be­son­ders in­ter­es­siert. Aber wenn man an ei­ner eng­li­schen Mu­sik­hoch­schu­le stu­diert, ist es grund­sätz­lich ver­gleich­bar mit ei­ner deut­schen Hoch­schu­le. Tra­di­tio­nell wird auf ein gu­tes und per­sön­li­ches Be­treu­ungs­ver­hält­nis großen Wert ge­legt, das hat al­ler­dings auch sei­nen Preis. Lei­der ist das Stu­di­um in Eng­land ver­gli­chen mit Deutsch­land un­glaub­lich teu­er.

Der Chor­di­ri­gent der Zu­kunft ist…

...ein tech­nisch so­li­de aus­ge­bil­de­ter Di­ri­gent, der mit Chö­ren und Or­che­s­tern um­ge­hen kann,

...je­mand, der selbst Ah­nung von Sin­gen und Stim­me hat, der Sän­ge­rIn­nen stimm­lich coa­chen kann, Wis­sen über Stimm­hy­gie­ne und -phy­sio­lo­gie be­sitzt,

...ein un­er­müd­li­cher Ver­bes­se­rer der En­sem­ble­tech­nik,

...ein Team­player, ein pri­mus in­ter pa­res: Die Idee des mu­si­ka­li­schen Mon­ar­chen oder Takt­stock-Ty­ran­nen hat ein­deu­tig aus­ge­dient. Der ge­gen­wär­ti­ge Wan­del in der Füh­rungs­kul­tur zeigt sich auch am Bild ei­nes mo­der­nen Di­ri­gen­ten, und das emp­fin­de ich als sehr an­ge­nehm.

In­ter­view: Win­fried Hy­ro­ni­mus

Bio­gra­fie:

Der Stutt­gar­ter Di­ri­gent und Sänger Ben­ja­min Hart­mann (*1990) ist künst­le­ri­scher Lei­ter des Maul­bron­ner Kam­mer­cho­res und des Kul­tur­fo­rums Ver­um Au­di­um. Er ist Sti­pen­di­at im Di­ri­gen­ten­fo­rum des Deut­schen Mu­si­krats. Nach Stu­di­en in Leip­zig, Ya­le und Stock­holm ar­bei­te­te er als Di­ri­gent mit nam­haf­ten Klang­körpern wie dem Schwe­di­schen Rund­funk­chor, Eric Eric­sons Kam­mar­kör, Cap­pel­la Ams­ter­dam, Ge­wand­hau­sChor Leip­zig, Kam­mer­chor Stutt­gart und der Gae­chin­ger Can­to­rey.

Wich­ti­ge künst­le­ri­sche Im­pul­se er­hielt er durch Meis­ter­kur­se bei re­nom­mier­ten Di­ri­gen­ten wie Hans- Chri­stoph Ra­de­mann, Frie­der Ber­ni­us, Hel­muth Ril­ling, Gre­te Pe­der­sen, Da­niel Reuss, Si­mon Hal­sey und Pe­ter Di­jkstra. Ve­röffent­li­chun­gen und Re­fe­ren­ten­tätig­keit bei Work­shops u. a. zu den The­men Ein­stu­die­rung/Pro­ben­me­tho­dik, skan­di­na­vi­sche Chor­kul­tur und Kon­zert­dra­ma­tur­gie. Ben­ja­min Hart­mann en­ga­giert sich eh­ren­amt­lich für den VDKC, AMJ und den Welt­ju­gend­chor (WYC). Oper­ner­fah­run­gen sam­melt er seit 2016 als Di­ri­gent und mu­si­ka­li­scher As­sis­tent an der Staats­o­per Stutt­gart, wo er zu­letzt mit dem Staats­o­pern­chor bei der Pro­duk­ti­on „Erd­be­ben.Träume“ (UA) zu­sam­men­ar­bei­te­te.

Bis Ju­ni 2019 leb­te Ben­ja­min Hart­mann in Eng­land, wo er sich in ei­nem ein­jähri­gen Stu­di­en- und For­schungs­auf­ent­halt an der Uni­ver­si­ty of Cam­bridge in­ten­siv mit der bri­ti­schen Chor­tra­di­ti­on aus­ein­an­der­setz­te. Künst­le­ri­sche Im­pul­se durch Ste­phen Lay­ton (Tri­ni­ty Col­le­ge / Po­ly­phony), Paul Mc­Creesh und Vo­ces8 er­gänz­ten sei­ne dor­ti­ge Aus­bil­dung.

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