6. Juni 2019

„Ich kom­me ei­gent­lich aus ei­ner ziem­lich un­mu­si­ka­li­schen Fa­mi­lie“

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Singen: Kann man das studieren? Die Frage klingt einfach, ist es aber keineswegs. Wie kommt man dazu? Welche Herausforderungen kann eine Laufbahn mit sich bringen, auf die man gefasst sein sollte? Wie veröffentlicht man etwa eine eigene CD und wie finanziert man das? Sänger oder Sängerin werden – ist das der erfüllte Traum oder Albtraum? Und wie häufig anderswo auch: lernt man die entscheidenden Dinge vielleicht gar nicht unbedingt im Studium? Als Interviewgast zu diesem Thema steht uns Jenni Reineke Rede und Antwort.

von Winfried Hyronimus

Hal­lo Jen­ni!

Hal­lo Win­fried!

Du könn­test et­was zu dei­nem Wer­de­gang er­zäh­len. Wie bist du denn zur Mu­sik ge­kom­men?

Ich ha­be ir­gend­wann, da war ich so – kei­ne Ah­nung, 9 Jah­re viel­leicht – von mei­ner Oma so ein Mi­ni-Key­board be­kom­men, mit ei­nem To­n­um­fang von 2½ Ok­ta­ven glau­be ich. Ich kom­me ei­gent­lich aus ei­ner ziem­lich un­mu­si­ka­li­schen Fa­mi­lie, mei­ne Groß­el­tern ha­ben im Kir­chen­chor ge­sun­gen, mei­ne ei­ne Oma war tat­säch­lich im Ora­to­ri­en­chor der HfM Det­mold, wo ich dann spä­ter stu­diert ha­be. Von mei­nen El­tern gibt es da aber kei­ner­lei Prä­gung. Ich ha­be mit die­sem Key­board ir­gend­wann an­ge­fan­gen, Sa­chen her­aus­zu­hö­ren, mut­maß­lich Rolf-Zuc­kow­ski-Lie­der… Ir­gend­wann sag­te dann mei­ne Oma: Die muss Kla­vier­un­ter­richt be­kom­men. Das war, als ich et­wa 11 Jah­re alt war, ich fing dann in ei­ner Ya­ma­ha-Mu­sik­schu­le an, wo es al­ler­dings auch nur elek­tro­ni­sche In­stru­men­te die­ses Her­stel­lers gab, al­so kein ein­zi­ges „rich­ti­ges“ Kla­vier. Nach an­dert­halb Jah­ren sag­te mein Leh­rer: „Ich kann dir nichts mehr bei­brin­gen“ – dann be­kam ich zu­hau­se pri­vat Kla­vier­un­ter­richt bei ei­nem sehr gu­ten Leh­rer. Die­ser for­der­te sehr bald ein, dass ich ein rich­ti­ges In­stru­ment be­kom­men soll­te, was mei­ne El­tern dann auch er­mög­lich­ten. Bei die­sem Leh­rer war ich auch bis zum Stu­di­um, ca. 6 Jah­re.

Man muss die Mu­sik qua­si al­so kei­nes­wegs „in die Wie­ge ge­legt be­kom­men“, wie manch­mal ge­sagt wird.

Ja, ge­nau. Von der Exis­tenz Bachs, Mo­zarts & Co ha­be ich erst mit 13, 14 Jah­ren er­fah­ren. Das ist qua­si die ei­ne Sei­te mei­ner mu­si­ka­li­schen So­zia­li­sa­ti­on, die an­de­re ist das Chor­sin­gen. Ich ha­be frü­her na­tür­lich im Kin­der­chor in der Schu­le ge­sun­gen, da gab es auch klei­ne­re Auf­füh­run­gen, rich­tig los ging das aber erst am Gym­na­si­um. Dort hat­te ich drei sehr gu­te Mu­sik­leh­rer, die auch im­mer Ver­stär­kung ge­sucht ha­ben für En­sem­bles. Ich wur­de dort auch an die Brat­sche ver­pflich­tet, als ich 13 war. Es gab dort einen Un­ter­stu­fen­chor, einen Mäd­chen­chor, einen Schü­ler-Leh­rer-Chor.

Was für ein Gy­ma­si­um war das denn?

Das ist das Gym­na­si­um an der Stadt­mau­er in Bad Kreuz­nach, das ist ei­gent­lich ein alt­sprach­li­ches Gym­na­si­um. Ich ha­be aber kei­ne ein­zi­ge al­te Spra­che ge­lernt.

Dort war ich im Or­che­s­ter und wie ge­sagt in den Chö­ren ak­tiv. Über die Chor­lei­te­rin kam ich, als ich 16 war, in den Lan­des­ju­gend­chor Rhein­land-Pfalz, sie hat das qua­si ver­mit­telt, dass ich ein­mal in ei­ner Nach­wuchs­ar­beits­pha­se da­bei­sein konn­te. Das war für mich wie ei­ne Art „nach Hau­se kom­men“ – da war ich ge­ra­de 16, in der Schu­le ist man mit Kla­vier usw. eher ein Au­ßen­sei­ter. Als ich dort­hin kam, war das  so ei­ne „In­stant Fa­mi­ly“. Sol­che Ge­schich­ten kennt man üb­ri­gens von vie­len Kol­le­gen. Das ist für vie­le so ei­ne Art po­si­tiv-trau­ma­ti­sches Er­leb­nis.

Dann kam das Mu­sik­stu­di­um?

Da wuss­te ich schon, dass ich Mu­sik stu­die­ren will. Ich hat­te 5 Auf­nah­me­prü­fun­gen ge­macht, von de­nen ich auch zwei be­stan­den hat­te, und bin dann an die HfM Det­mold ge­kom­men. Für Det­mold hat­te ich mich ent­schie­den, da ich dort fa­mi­li­äre Wur­zeln ha­be. Mei­ne Mut­ter so­wie mei­ne Groß­mut­ter kom­men dort her, da­her war ich frü­her viel in die­ser Stadt und hat­te ein sehr star­kes „Zu­hau­se“-Ge­fühl.

Na­tür­lich ist Det­mold auch ei­ne sehr gu­te Hoch­schu­le, das wuss­te ich da­mals schon, ob­wohl ich da­mals noch ziem­lich grün hin­ter den Oh­ren war. Vor­ge­spielt hat­te ich al­ler­dings kei­nem, weil ich ein­fach nicht wuss­te, dass man das ei­gent­lich so macht. Dass we­nigs­tens ei­ner der Profs einen schon vor der Auf­nah­me­prü­fung kennt.

Du hast dort zu­erst Kla­vier stu­diert?

Zu­erst In­stru­men­tal­päd­ago­gik Kla­vier, da­mals noch im Di­plom, wäh­rend­des­sen schon zwei Se­mes­ter Dop­pel­stu­di­um, da ich das Di­plom in Ge­sangspäd­ago­gik auch dort be­gon­nen und ab­ge­schlos­sen ha­be. 2013 ha­be ich dann im Ba­che­lor Oper/Kon­zert das künst­le­ri­sche Ge­sangs­stu­di­um an­ge­schlos­sen und nach die­sem kam noch der Mas­ter Lied­ge­stal­tung. Vor­letz­tes Jahr, 2017, ha­be ich mit ins­ge­samt vier Ab­schlüs­sen die Hoch­schu­le ver­las­sen.

Wie kommt man denn über­haupt dar­auf, Sän­ge­rin zu wer­den?

Ha­ha! Ja – das ist eher  ein biss­chen „so pas­siert“. Ich hat­te na­tür­lich gar kei­nen Ge­dan­ken dar­an, Ge­sang zu stu­die­ren, als ich mit dem Mu­sik­stu­di­um an­fing. Ich ha­be wäh­rend mei­nes Mu­sik­päd­ago­gik-Stu­di­ums ge­merkt, dass ich ir­gend­wie noch Am­bi­tio­nen hat­te, und das nicht nur als Ne­ben­fach nach vier Se­mes­tern ab­schlie­ßen will und das war‘s dann. Ich ha­be dann  zu­nächst ei­ne Auf­nah­me­prü­fung für Wahl­fach Ge­sang ge­macht, das hat auch ge­klappt, von da aus bin ich zur Ge­sangspäd­ago­gik auf­ge­stie­gen und dann eben die Auf­nah­me­prü­fung für Oper / Kon­zert. Ein­mal an­ge­fan­gen, woll­te ich ein­fach im­mer mehr...

So ein Sucht-Fak­tor ist na­tür­lich im­mer da­bei. Ist das nicht ein furcht­bar schwie­ri­ger Be­ruf?

Hmm… al­so ich wür­de sa­gen, das ist ein ziem­lich schwarz-wei­ßer Be­ruf. Es ist ent­we­der ziem­lich schwie­rig, oder furcht­bar leicht und toll. Wenn man bei gu­ter Ge­sund­heit ist, wenn man gu­te Pro­jek­te hat, dann ist das na­tür­lich toll.

Und dann gibt es aber auch die Mo­men­te wo man sich ei­ne fet­te Grip­pe ein­fängt, oder wenn man in ei­nem Pro­jekt drin­steckt, wo man merkt, das ist ge­ra­de nicht so gut für mich, dann kann es auch ei­ne ziem­li­che Quä­le­rei sein. Es ist nie ein­fach nur ein Job, Man hat im­mer ei­ne emo­tio­na­le Kom­po­nen­te da­bei. Das ist wahr­schein­lich mit al­len künst­le­ri­schen Be­ru­fen so, aber als Sän­ger ist man ein­fach sehr an­fäl­lig, weil man kör­per­lich in­vol­viert ist. Na­tür­lich gilt auch das für In­stru­men­ta­lis­ten, aber bei die­sen be­trifft es nicht ganz di­rekt das In­stru­ment. Wenn ich krank bin, ist auch mein In­stru­ment krank, und man kann sich nicht ein­fach ein neu­es kau­fen.

Ei­ne wei­te­re Schwie­rig­keit bringt na­tür­lich das Da­sein als Frei­be­ruf­ler mit sich, weil es im­mer mal „Lö­cher“ gibt, wo man nicht weiß, wie ein­fach die nächs­te Sai­son läuft, wo man nicht weiß, gibt es wie­der Pro­jek­te, gibt es wie­der An­fra­gen usw…

Ins­ge­samt über­wiegt aber das Po­si­ti­ve bei Wei­tem. Ne­ben wirk­lich phan­tas­ti­schen mu­si­ka­li­schen Er­leb­nis­sen, ist das fa­mi­li­äre Ge­fühl, dass mich in Schul­zei­ten und im Lan­des­ju­gend­chor zur Mu­sik ge­bracht hat,  auch un­ter den Kol­le­gen ge­blie­ben. Man er­fährt sehr viel Un­ter­stüt­zung und hat in den ver­schie­de­nen Pro­jek­ten ei­ne tol­le Zeit mit­ein­an­der.

Mo­men­tan bist du ja als Duo un­ter­wegs.

Ja, mit Yo­a­na Var­ba­no­va. Ich bin mo­men­tan aber vor al­lem als En­sem­ble­sän­ge­rin un­ter­wegs. Die Duo-Sa­che ist eher ein lie­bes Hob­by, da es sehr schwie­rig ist an Kon­zer­te zu kom­men, und je­des En­ga­ge­ment in Ei­gen­ma­na­ge­ment rea­li­siert wer­den muss. Al­les muss selbst be­wor­ben und selbst or­ga­ni­siert wer­den, was sehr zeit­auf­wän­dig ist. Ge­ra­de ist un­se­re CD mit dem Duo her­aus­ge­kom­men, der nächs­te Schritt wird sein, wie­der neue Auf­trit­te an Land zu zie­hen.

„Die­se Ei­gen­wer­bung in So­ci­al Me­dia ist auch ein sehr zwei­schnei­di­ges Schwert, weil man ein­fach nicht ein­schät­zen kann ob man schon je­mand nervt.“

Wie be­wer­test du die Rol­le von So­ci­al Me­dia bei Ei­gen­wer­bung?

Das macht min­des­tens 50% der Ei­gen­wer­bung aus, dass man ein­fach „trig­gert“, im Be­wusst­sein der Leu­te bleibt, und ge­se­hen wird. Ich muss al­ler­dings da­zu sa­gen, dass sich mein So­ci­al Me­dia  auf Fa­ce­book be­schränkt. Auf Sa­chen wie Twit­ter, Ins­ta­gram usw. bin ich nicht un­ter­wegs und bin da auch kein Pro­fi. Ich bin ein sehr ana­lo­ger Mensch.

Die­se Ei­gen­wer­bung in So­ci­al Me­dia ist auch ein sehr zwei­schnei­di­ges Schwert, weil man ein­fach nicht ein­schät­zen kann ob man schon je­mand nervt. Ich kli­cke selbst zum Bei­spiel sehr häu­fig Din­ge die mir in mei­nem Feed an­ge­zeigt wer­den weg, weil es mir zu­viel wird. Es ist schwie­rig da die Do­sis zu fin­den, wo es für an­de­re Leu­te noch in­ter­essant bleibt, weil man auch nicht weiß, was ge­nau bei de­nen noch auf­taucht. Man kennt die Al­go­rith­men im Hin­ter­grund nicht.

Gibt es be­stimm­te Din­ge die dich als Sän­ge­rin be­son­ders wei­ter ge­bracht ha­ben? Wel­che Rol­le spie­len da­bei men­ta­le Fak­to­ren?

Al­les was man an Stu­di­um und Meis­ter­kur­sen be­sucht hat na­tür­lich. Das ist aber eher ei­ne Art tech­ni­sche Ebe­ne. Was mich auf ei­ner an­de­ren Ebe­ne als Sän­ge­rin wei­ter ge­bracht hat war das Rei­sen. Ich bin ein paar Mal mit dem Ruck­sack in Eu­ro­pa ganz al­lei­ne ge­reist. Ich ha­be da ei­ne Men­ge Leu­te ken­nen­ge­lernt, und man er­zählt dann na­tür­lich von sich. Da­durch ha­be ich ein­fach oft ge­sagt „Ich bin Sän­ge­rin“, man muss das so ver­ste­hen: Das war ja auch ein Iden­ti­täts­wech­sel von „Ich spie­le Kla­vier“ zu „ich bin Sän­ge­rin“, und die­ser kam haupt­säch­lich durch das Rei­sen. Das hat mir Sta­bi­li­tät dar­in ge­bracht. Die­ses Aus­spre­chen der neu­en Tat­sa­che.

Was mich wahr­schein­lich min­des­tens eben­so wei­ter­ge­bracht hat, wa­ren mei­ne Nie­der­la­gen. Es gab so einen Pro­fes­sor aus Har­vard, der für ei­ne be­freun­de­te Pro­fes­so­rin einen Le­bens­lauf sei­ner Nie­der­la­gen ge­schrie­ben hat. Das hat mich be­ein­druckt. Na­tür­lich hat man im­mer auf dem Schirm, was man schon ge­schafft hat, aber ei­gent­lich viel in­ter­essan­ter ist, was man nicht ge­schafft hat und was sich dann dar­aus ent­wi­ckelt hat und das will kei­ner wis­sen. Selt­sam ei­gent­lich.

Wenn jetzt zum Bei­spiel je­mand sag­te „Du wirst kei­ne Sän­ge­rin“, dann hat mich das na­tür­lich trau­rig ge­macht, aber am nächs­ten Tag  bin ich wie­der auf­ge­stan­den und ha­be wei­ter­ge­macht. Ich ken­ne auch wel­che, die so et­was zum Auf­ge­ben be­wegt hat, mich hat das Schei­tern aber schlus­send­lich wei­ter ge­bracht. Man braucht das auch spä­ter im Be­ruf, die­ses im­mer-wie­der-sich-selbst-zu­sam­men­rei­ßen, weil man im­mer wie­der vor ei­ne Wand läuft, mög­li­cher­wei­se ge­gen ei­ne, die man dort selbst hin­ge­stellt hat. Man be­kommt in die­sem Be­ruf im­mer Ge­gen­wind. Ich glau­be ich hat­te so­gar mehr Nie­der­la­gen als an­de­re Sän­ge­rin­nen, weil ich auch nicht so ei­ne Na­tur­stim­me hat­te; man muss ein­fach sehr viel und hart ar­bei­ten, und auf dem Weg dort­hin war oft ein Fra­ge­zei­chen, ob ich wirk­lich Sän­ge­rin wer­den will und kann. Meis­tens kommt ein sol­ches von au­ßen, aber ich ha­be ein­fach im­mer wei­ter­ge­macht.

Im­mer wie­der kon­tro­vers dis­ku­tiert: Das The­ma Ge­sangspäd­ago­gik. Du un­ter­rich­test ja selbst viel. Ist die Ma­te­rie wirk­lich so sen­si­bel, wie man sagt?

Das kommt na­tür­lich dar­auf an, in was für ei­nem Feld man un­ter­rich­tet. Ich ha­be sehr vie­le Lai­en­chor­sän­ger un­ter­rich­tet, das sind vor­wie­gend er­wach­se­ne Men­schen die schon lan­ge sin­gen. Hier geht es eher dar­um Wis­sens­lücken zu schlie­ßen und be­ste­hen­de Kennt­nis­se zu er­wei­tern. Ich hat­te das Ge­fühl da kann man nicht viel ka­putt ma­chen, trotz­dem: Wenn man jetzt Ge­sangs­stu­dent ist, hat man na­tür­lich mehr Wis­sen als je­mand der selbst eben­falls aus dem Lai­en­chor­be­reich kommt.

Was ich ge­ne­rell pro­ble­ma­tisch fin­de ist, dass der Be­ruf des Ge­sangspäd­ago­gen nicht ge­schützt ist, was da­zu führt dass vie­le un­ter­rich­ten, die sich mit Päd­ago­gik nicht so aus­ein­an­der­ge­setzt ha­ben, und was lei­der auch die Löh­ne nach un­ten kor­ri­giert. Was beim Stu­die­ren wich­tig ist: Man un­ter­rich­tet erst mal un­ter Auf­sicht und ein er­fah­re­ner Do­zent gibt ei­nem dann Feed­back da­zu. Wenn je­mand tat­säch­lich „nur“ Ge­sang stu­diert hat, fehlt die­se Kom­po­nen­te, auch wenn die ei­ge­ne Be­fä­hi­gung zum Sin­gen mög­li­cher­wei­se da ist, da­her fin­de ich es wich­tig dass man auch in die­sem Be­reich aus­ge­bil­det ist.

Wür­dest du als Päd­ago­gin sa­gen, dass man auch von sei­nen Schü­lern lernt?

Ich wür­de in ers­ter Li­nie sa­gen, man lernt vom Un­ter­rich­ten, weil man im­mer wie­der die Ba­sics wie­der­holt. Wenn man sich je­den Tag Ge­dan­ken über rich­ti­ges Ein­at­men, rich­ti­ges Ste­hen, rich­ti­ge Vo­kal­for­mung macht, lernt man da­von na­tür­lich sehr viel. Si­cher­lich lernt man auch von sei­nen Schü­lern, das kommt aber na­tür­lich auf die Schü­ler an, das ist sehr un­ter­schied­lich.

Ihr habt ja vor kur­z­em ei­ne CD ver­öf­fent­licht. Wie kam es da­zu?

Das war so ein biss­chen mei­ne Idee, weil es auch heut­zu­ta­ge im­mer noch wich­tig ist, wenn man kon­zer­tie­ren möch­te, dass die Ver­an­stal­ter sich ein Bild ma­chen kön­nen, was man ei­gent­lich macht. Da­nach hat sich erst her­aus­ge­stellt, was für tol­le Li­te­ra­tur das ist, die für Stim­me und Schlag­werk in den letz­ten 30-40 Jah­ren kom­po­niert wur­de. Vor­her hat­ten wir eher Be­ar­bei­tun­gen von Wer­ken ge­spielt die ur­sprüng­lich an­ders in­stru­men­tiert wa­ren, z.B. mit Lau­te oder Kla­vier. Für ei­ne CD woll­te ich aber ger­ne ein wirk­lich rund kon­zi­pier­tes Pro­gramm zu­sam­men­stel­len.. Wir ha­ben ge­merkt, dass es da ganz phan­tas­ti­sche Stücke gibt, die aber nie­mand kennt. Das war der Grund da­für, dass es dann ein rich­ti­ges Her­zen­spro­jekt ge­wor­den ist.

„Es­ca­pe in­to the Be­au­ti­ful“

Lied­kom­po­si­tio­nen für Ge­sang und Schlag­werk; Lynn Glas­sock, Ge­ne Kos­hins­ky, Jor­ge Vi­da­les und An­drew Be­all ver­ton­ten Ge­dich­te von Emi­ly Dickin­son, Carl Sand­burg und Mat­suo Bas­hō.

Er­hält­lich ist die CD als MP3-Al­bum auf al­len be­kann­ten Platt­for­men, oder phy­si­sches Ex­em­plar (15,-€ zzgl. Por­to).

www.jen­ni­rei­ne­ke.com

Eu­re CD wur­de über Crowd-Fun­ding fi­nan­ziert. Hat das funk­tio­niert? Wie wa­ren eu­re Er­fah­run­gen da­mit?

Al­so, das Crowd-Fun­ding war mehr als er­folg­reich. Wir ha­ben 150% des ei­gent­li­chen Ziels er­reicht. Die Er­fah­rung da­mit ist: Das ist kein ge­schenk­tes Geld. Da muss man  viel Ar­beit rein­ste­cken. Das po­si­ti­ve ist na­tür­lich, dass es gleich­zei­tig zu der Ar­beit die man da­mit hat, qua­si auch das Pro­jekt be­kannt macht. Als es dar­an ging die CD auf­zu­neh­men, kann­ten vie­le die CD schon. So ar­bei­tet man be­reits wäh­rend der Vor­be­rei­tungs­pha­se mit dem Me­di­um, das man spä­ter auch un­ter die Leu­te brin­gen will. Das ist in je­dem Fall ei­ne sinn­vol­le Sa­che.

Warum habt ihr euch ge­nau für die­ses Kon­zept ent­schie­den?

Ich hat­te kei­ne Lust mehr, so stu­den­ti­sche De­mo-Auf­nah­men zu ma­chen, ich woll­te sa­gen: Ich bin jetzt fer­tig, ich ma­che mal ein rich­ti­ges Pro­jekt. Dass man da­für Geld in die Hand neh­men muss, war da­bei na­tür­lich klar. Wir ha­ben uns bei ei­ner Stif­tung be­wor­ben, die ha­ben uns auch ei­ne gan­ze Men­ge da­zu ge­ge­ben, al­ler­dings war das noch nicht aus­rei­chend. Das Kon­zept des Crowd-Fun­dings kann­te ich von ei­nem be­freun­de­ten Chor. Na­tür­lich ging das dort mit 36 Leu­ten ein­fa­cher, aber wir ha­ben das zu zweit pro­biert und es war auch ein ge­wis­ses Ri­si­ko des Schei­terns  da­bei, aber es hat ja ge­klappt.

„Das wirft ei­ne ganz an­de­re Per­spek­ti­ve auf, wenn je­mand da­bei sitzt und wirk­lich nur hört.“

Wie wür­dest du die Ar­beit mit ei­nem Ton­meis­ter aus dei­ner Sicht be­schrei­ben?

Al­so, da re­den wir na­tür­lich jetzt von den rich­ti­gen Ton­meis­tern, al­so die auch künst­le­risch was auf dem Kas­ten ha­ben. Das wirft ei­ne ganz an­de­re Per­spek­ti­ve auf, wenn je­mand da­bei sitzt und wirk­lich nur hört. Das ist so­wohl für das Große Gan­ze als auch für die De­tails ei­ne in­ter­essan­te Sa­che, weil dann je­mand zu­hört der es nicht schon Mo­na­te lang vor­her ge­übt hat und qua­si auch mit „fri­schen Oh­ren“ an die Sa­che geht.

Du hast ja schon mit ei­ni­gen Ton­meis­tern zu­sam­men­ge­ar­bei­tet. Gab es da wahr­nehm­ba­re Un­ter­schie­de für dich, al­so in der Art und Wei­se wie die­se her­an­ge­hen?

Die meis­ten Ton­meis­ter mit de­nen ich ge­ar­bei­tet ha­be wa­ren na­tür­lich aus Det­mold, al­so von der Hoch­schu­le, tat­säch­lich kom­men aber auch die meis­ten, de­nen man im Be­rufs­le­ben be­geg­net dort her. Die­se ar­bei­ten schon auf ähn­li­che Wei­se, wie z. B. mit dem Aus­strah­len ei­ner ge­wis­sen Ru­he, gu­tem rhe­to­ri­schen Ge­spür, ge­ra­de bei Sän­gern ist das auch ein sen­si­bles The­ma. Aber es gibt na­tür­lich klei­ne­re Un­ter­schie­de, vor al­lem in der Auf­nah­me­lei­tung, die ich in­ter­essant fin­de.

Was mich bei un­se­rer CD-Auf­nah­me be­geis­tert hat: Dort wur­de bei­spiels­wei­se nie ge­sagt, dass die Auf­nah­me nun star­tet oder en­det. Auf die­se Art und Wei­se kommt man in so einen Pro­be- oder Übeflow hin­ein. Bei bis­he­ri­gen Auf­nah­men hat­te ich meis­tens ein Rot­licht oder ei­ne An­sa­ge da­bei, und das bringt ei­ne ge­wis­se An­span­nung mit rein. Oh­ne die­se kann man viel frei­er mu­si­zie­ren.

Wel­chen Stel­len­wert ha­ben Auf­nah­men für dich als Sän­ge­rin?

Einen ziem­lich großen, tat­säch­lich. Schon von den al­ler­ers­ten Klas­sen­aben­den ha­be ich Auf­nah­men, auch ziem­lich lücken­los, von … na­ja, sa­gen wir mal, dem Jahr 2008 an ha­be ich Auf­nah­men ge­sam­melt, und es ist ziem­lich span­nend zu hö­ren wie sich das al­les ent­wi­ckelt hat, weil sich die Stim­me doch gra­vie­rend ver­än­dert.

Für mich ha­ben Auf­nah­men aber auch des­halb einen ho­hen Stel­len­wert, weil sie im­mer ei­ne Ver­tie­fung dar­stel­len. Meis­tens ist es nach der Auf­nah­me bes­ser als vor­her, weil man eben noch den Ge­gen­pol des Ton­meis­ters hat, der qua­si von au­ßen zu­hört.  Auf­nah­men ma­chen mir to­tal viel Spaß. Na­tür­lich kann da auch An­span­nung da­hin­ter sein, weil das Er­geb­nis stim­men muss und – theo­re­tisch – für die Ewig­keit fest­ge­hal­ten wer­den kann. Aber es ist an­de­rer­seits auch so, dass man bei der Auf­nah­me na­tür­lich meh­re­re Chan­cen hat, und spä­ter auch im Schnitt ei­ne Aus­wahl tref­fen kann aus meh­re­ren Ver­su­chen. Im Kon­zert geht das nicht.

In­ter­view: Win­fried Hy­ro­ni­mus

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