17. März 2019

Wer ist eigentlich dieser Artikel 13?

Das EU-Parlament wird mit seiner abzustimmenden Richtlinie möglicherweise eine Reform in Kraft setzen, die das Internet verändern könnte. Und manche Dinge gehen dann tatsächlich nicht mehr so einfach. Welche das aber sind, muss man sich etwas genauer angucken. Viele Fragen – einige Antworten.

von Winfried Hyronimus
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Inhaltsverzeichnis

Vor­be­mer­kun­gen

Im vor­lie­gen­den Bei­trag möch­te zum ak­tu­el­len Dis­kurs, be­tref­fend ei­ne neue EU-Richt­li­nie, ei­ni­ge kur­ze Er­läu­te­run­gen ge­ben. Hier­bei wer­de ich mich vor­wie­gend auf Ar­ti­kel 13 des Richt­li­nienent­wurfs be­schrän­ken, da die­ser im Blick­punkt des öf­fent­li­chen In­ter­es­ses der­zeit den meis­ten Raum ein­nimmt und auch of­fen­bar für die meis­ten Kon­tro­ver­sen sorgt. Ins­be­son­de­re sol­len hier­bei Fra­ge­stel­lun­gen der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit, der Ab­wä­gung von Grund­rech­ten und der Kon­se­quen­zen für Nut­zer und An­bie­ter im Wir­kungs­be­reich der Richt­li­nie er­ör­tert wer­den.

Die­se las­sen sich in 10 Punk­te auf­tei­len:

  1. Wer ist Adres­sat der neu­en Richt­li­nie?
  2. Wel­che neu­en Pflich­ten bringt die Richt­li­nie mit sich?
  3. Wie soll nach der Richt­li­nie die Durch­set­zung die­ser Pflich­ten aus­se­hen?
  4. Sind da­bei be­stimm­te Maß­nah­men vor­ge­schrie­ben oder un­um­gäng­lich?
  5. Wird mit der Richt­li­nie ei­ne Pflicht zur all­ge­mei­nen Über­wa­chung von In­hal­ten auf­er­legt?
  6. Sind die Maß­nah­men, zu de­nen Platt­for­men ver­pflich­tet wer­den, ver­hält­nis­mä­ßig?
  7. Ist der Nut­zer durch die Richt­li­nie für Ur­he­ber­rechts­ver­let­zun­gen haft­bar?
  8. Wer­den die Ver­pflich­tun­gen der Richt­li­nie zu Ein­schrän­kun­gen für Nut­zer füh­ren?
  9. Schränkt die Richt­li­nie die freie Mei­nungs­äu­ße­rung ein?
  10. Er­mög­licht die Richt­li­nie den Miss­brauch oder das Aus­spä­hen von Nut­zer­da­ten?

Die­ser Bei­trag ist als FAQ auf­ge­baut, kann je­doch auch am Stück ge­le­sen wer­den.

Allgemeines

Um wel­che Richt­li­nie geht es?

Kon­kret geht es um den Vor­schlag ei­ner Richt­li­nie über das Ur­he­ber­recht und die ver­wand­ten Schutz­rech­te im di­gi­ta­len Bin­nen­markt und zur Än­de­rung der Richt­li­ni­en 96/9/EG und 2001/29/EG. (Eng­li­sche Be­zeich­nung: Pro­po­sal for a Di­rec­ti­ve of the Eu­ro­pean Par­lia­ment and of the Coun­cil on Co­py­right in the Di­gi­tal Sin­gle Mar­ket).

Die­ser wur­de nach mehr­ma­li­ger Re­vi­si­on im Tri­log zur Ei­ni­gung ge­bracht und zu­letzt vom Rechts­aus­schuss des Par­la­ments an­ge­nom­men. Die neue Richt­li­nie soll die Re­gu­lie­run­gen der bis­lang noch gül­ti­gen E-Com­mer­ce-Richt­li­nie 2000/31/EG er­set­zen.

Die end­gül­ti­ge Ab­stim­mung im Par­la­ment soll am Diens­tag, den 26. März statt­fin­den.

Pres­se­mit­tei­lun­gen des EU-Par­la­ments die die ak­tu­el­le Ver­si­on be­tref­fen:

Nach­trag, 26. März: Der Richt­li­ni­en­vor­schlag wur­de vom EU-Par­la­ment an­ge­nom­men. Die Richt­li­nie trägt die Be­zeich­nung Richt­li­nie (EU) 2019/790 über das Ur­he­ber­recht und die ver­wand­ten Schutz­rech­te im di­gi­ta­len Bin­nen­markt und zur Än­de­rung der Richt­li­ni­en 96/9/EG und 2001/29/EG. Im Voll­text ist die­se hier zu fin­den: Richt­li­nie (EU) 2019/790.

Wo kann man den Text des Richt­li­ni­en­vor­schlags le­sen?

Ant­wort: Hier. Im Text wird die­se Fas­sung als Tri­log­fas­sung be­zeich­net.

Vor­sicht: Es gibt meh­re­re Ver­sio­nen da­von, da der Vor­schlag zur Än­de­rung der Richt­li­nie mehr­mals über­ar­bei­tet wur­de. Zahl­rei­che Ver­öf­fent­li­chun­gen be­zie­hen sich auf den Text der Richt­li­nie in der Fas­sung von 2016.

Ei­ne deut­sche Fas­sung war zum Zeit­punkt der Erst­ver­öf­fent­li­chung die­ses Bei­trags nicht ver­füg­bar, mitt­ler­wei­le wur­de die­se her­aus­ge­ge­ben. Link zur deut­schen Be­schluss­fas­sung: Hier.

Vor­sicht: In der deut­schen Fas­sung sind die Num­mern der Ar­ti­kel aus re­dak­tio­nel­len Grün­den ge­än­dert. Ar­ti­kel 13, der Haupt­ge­gen­stand die­ses Bei­trags und der da­zu­ge­hö­ri­gen öf­fent­li­chen De­bat­te war, ist da­her in der deutsch­spra­chi­gen Fas­sung nun Ar­ti­kel 17. Wo not­wen­dig, sind Über­set­zun­gen über­nom­men und mit den neu­en Ar­ti­kel­num­mern re­fe­ren­ziert.

Worum geht es in der Richt­li­nie?

Ant­wort: Das steht drin. Je­der ist aus­drück­lich auf­ge­for­dert, den Text selbst zu le­sen.

Be­son­ders re­le­vant sind je­doch drei Din­ge:

  1. Platt­for­man­bie­ter, die mit von Nut­zer hoch­ge­la­de­nen In­hal­ten Geld ver­die­nen, sol­len zum Er­werb von Li­zen­zen für ur­he­ber­recht­lich ge­schütz­te In­hal­te ver­pflich­tet wer­den.
  2. Kom­men sie bei­den Ver­pflich­tun­gen nicht oder un­zu­läng­lich nach, sind sie da­für haft­bar. Das sog. Haf­tungs­pri­vi­leg der be­ste­hen­den Richt­li­nie wird da­mit für be­stimm­te Platt­for­man­bie­ter auf­ge­ho­ben.
  3. Sie sol­len eben­so Maß­nah­men ge­gen rechts­wid­ri­ge Ver­öf­fent­li­chung ur­he­ber­recht­lich ge­schütz­ter In­hal­te ein­set­zen.

Der wich­tigs­te Punkt ist die Li­zenz­pflicht. Sie wird ab­ge­han­delt in Abs. 1 der Ar­ti­kel 13 bzw. 17.

Die Mit­glied­staa­ten se­hen vor, dass ein Diens­tean­bie­ter für das Tei­len von On­li­ne-In­hal­ten ei­ne Hand­lung der öf­fent­li­chen Wie­der­ga­be oder ei­ne Hand­lung der öf­fent­li­chen Zu­gäng­lich­ma­chung für die Zwe­cke die­ser Richt­li­nie vor­nimmt, wenn er der Öf­fent­lich­keit Zu­gang zu von sei­nen Nut­zern hoch­ge­la­de­nen ur­he­ber­recht­lich ge­schütz­ten Wer­ken oder sons­ti­gen Schutz­ge­gen­stän­den ver­schafft.

Ein Diens­tean­bie­ter für das Tei­len von On­li­ne-In­hal­ten muss des­halb die Er­laub­nis von den in Ar­ti­kel 3 Ab­satz 1 und 2 der Richt­li­nie 2001/29/EG ge­nann­ten Recht­e­in­ha­bern ein­ho­len, et­wa durch den Ab­schluss ei­ner Li­zenz­ver­ein­ba­rung, da­mit er Wer­ke oder sons­ti­ge Schutz­ge­gen­stän­de öf­fent­lich wie­der­ge­ben oder öf­fent­lich zu­gäng­lich ma­chen darf.

Member States shall provide that an online content sharing service provider performs an act of communication to the public or an act of making available to the public for the purposes of this Directive when it gives the public access to copyright protected works or other protected subject matter uploaded by its users.

An online content sharing service provider shall therefore obtain an authorisation from the rightholders referred to in Article 3 (1) and (2) of Directive 2001/29/EC,  for instance by concluding a licencing agreement, in order to communicate or make available to the public works or other subject matter.

Die Aufhebung des Haftungsprivilegs (in Deutschland: § 8 TMG) wird in Abs. 3 festgehalten:

Nimmt ein Diens­tean­bie­ter für das Tei­len von On­li­ne-In­hal­ten ei­ne Hand­lung der öf­fent­li­chen Wie­der­ga­be oder der öf­fent­li­chen Zu­gäng­lich­ma­chung un­ter den in die­sem Ar­ti­kel fest­ge­leg­ten Be­din­gun­gen vor, so fin­det die Be­schrän­kung der Ver­ant­wort­lich­keit nach Ar­ti­kel 14 Ab­satz 1 der Richt­li­nie 2000/31/EG auf die in die­sem Ar­ti­kel be­schrie­be­nen Si­tua­tio­nen kei­ne An­wen­dung.

When an online content sharing service provider performs an act of communication to the public or an act of making available to the public, under the conditions established under this Directive, the limitation of liability established in Article 14 (1) of Directive 2000/31/EC shall not apply to the situations covered by this Article.

Die Plattformanbieter werden ferner zum Einsetzen von Maßnahmen gegen das rechtswidrige Einstellen urheberrechtlich geschützter Inhalte verpflichtet.

Dies regelt Art. 13 bzw. Art. 17 Abs. 4:

Wird die Er­laub­nis nicht er­teilt, so ist der Diens­tean­bie­ter für das Tei­len von On­li­ne-In­hal­ten für nicht er­laub­te Hand­lun­gen der öf­fent­li­chen Wie­der­ga­be, ein­schließ­lich der öf­fent­li­chen Zu­gäng­lich­ma­chung, ur­he­ber­recht­lich ge­schütz­ter Wer­ke oder sons­ti­ger Schutz­ge­gen­stän­de ver­ant­wort­lich, es sei denn, der An­bie­ter die­ser Diens­te er­bringt den Nach­weis, dass er

  1. al­le An­stren­gun­gen un­ter­nom­men hat, um die Er­laub­nis ein­zu­ho­len; und
  2. nach Maß­ga­be ho­her bran­chen­üb­li­cher Stan­dards für die be­ruf­li­che Sorg­falt al­le An­stren­gun­gen un­ter­nom­men hat, um si­cher­zu­stel­len, dass be­stimm­te Wer­ke und sons­ti­ge Schutz­ge­gen­stän­de, zu de­nen die Recht­e­in­ha­ber den An­bie­tern die­ser Diens­te ein­schlä­gi­ge und not­wen­di­ge In­for­ma­tio­nen be­reit­ge­stellt ha­ben, nicht ver­füg­bar sind; und in je­dem Fall
  3. nach Er­halt ei­nes hin­rei­chend be­grün­de­ten Hin­wei­ses von den Recht­e­in­ha­bern un­ver­züg­lich ge­han­delt hat, um den Zu­gang zu den ent­spre­chen­den Wer­ken oder sons­ti­gen Schutz­ge­gen­stän­den zu sper­ren bzw. die ent­spre­chen­den Wer­ke oder sons­ti­gen Schutz­ge­gen­stän­de von sei­nen In­ter­netsei­ten zu ent­fer­nen, und al­le An­stren­gun­gen un­ter­nom­men hat, um ge­mäß Buch­sta­be b das künf­ti­ge Hoch­la­den die­ser Wer­ke oder sons­ti­gen Schutz­ge­gen­stän­de zu ver­hin­dern.

If no authorisation is granted, online content sharing service providers shall be liable for unauthorised acts of communication to the public of copyright protected works and other subject matter, unless the service providers demonstrate that they have:

  1. made best efforts to obtain an authorisation, and
  2. made,  in  accordance  with high industry  standards  of  professional  diligence, best  efforts  to  ensure  the  unavailability  of  specific  works  and  other  subject matter for which the rightholders have provided  the service providers with the relevant and necessary information, and in any event
  3. acted   expeditiously,   upon   receiving   a   sufficiently   substantiated   notice   by   the rightholders,  to  remove  from  their  websites  or  to  disable  access  to  the  notified  works and subject matters, and made best efforts to prevent their future uploads in accordance with paragraph (b)

Die o. a. Ver­pflich­tun­gen un­ter­lie­gen je­doch Be­schrän­kun­gen. Nä­he­res hier­zu im Fol­gen­den.

Wich­tig: Der Richt­li­nienent­wurf schafft kei­ne neu­en Rech­te für Krea­ti­ve. Er soll je­doch si­cher­stel­len, dass be­ste­hen­de Rech­te bes­ser durch­ge­setzt wer­den. Der Ent­wurf schafft streng­ge­nom­men auch kei­ne neu­en Ver­pflich­tun­gen für On­li­ne-Platt­for­men oder Nach­rich­ten­ag­gre­ga­to­ren, al­ler­dings stren­ge­re Vor­ga­ben zur Ein­hal­tung be­ste­hen­der Ver­pflich­tun­gen.

Wer ist von der Richt­li­nie be­trof­fen?

Ant­wort: Wer ein Jour­nal wie die­ses liest, mit höchs­ter Wahr­schein­lich­keit nicht.

Tat­säch­lich be­trifft die Richt­li­nie so­ge­nann­te On­li­ne Con­tent Sha­ring Ser­vice Pro­vi­der (OCSSP). Die Richt­li­nie hält zur De­fi­ni­ti­on ei­nes sol­chen in Abs. 37a / Abs. 62 fest:

Die für die vorliegende Richtlinie geltende Begriffsbestimmung von Diensteanbietern für das Teilen von Online-Inhalten sollte sich nur auf Online-Dienste beziehen, die auf dem Markt für Online-Inhalte eine wichtige Rolle spielen, indem sie mit anderen Online-Inhaltediensten, wie Audio- und Video-Streamingdiensten, um dieselben Zielgruppen konkurrieren. Die vorliegende Richtlinie gilt für Dienste, deren wichtigster Zweck es ausschließlich oder unter anderem ist, eine große Menge von urheberrechtlich geschützten Inhalten zu speichern und Nutzern das Hochladen und Weiterleiten dieser Inhalte zu ermöglichen, um daraus in direkter oder indirekter Weise Gewinne zu ziehen, indem die Inhalte mit dem Ziel, ein größeres Publikum anzuziehen, strukturiert und beworben werden, auch indem die Inhalte Kategorien zugeordnet werden und gezielte Werbung in die Inhalte eingefügt wird.

The definition of an online content sharing service under this Directive should target only online services which play an important role on the online content market by competing with other online content services, such as online audio and video streaming services, for the same audiences. The services covered by this Directive are those services, the main or one of the main purposes of which is to store and enable users to upload and share a large amount of copyright protected content with the purpose of obtaining profit therefrom, either directly or indirectly, by organising it and promoting it in order to attract a larger audience, including by categorising it and using targeted promotion within it.

Es er­gibt sich be­reits in­fol­ge der ers­ten drei Kri­te­ri­en der Aus­schluss für die al­ler­meis­ten Platt­for­men, dar­un­ter fal­len nicht­kom­mer­zi­el­le wie auch Platt­for­men oh­ne ernst­zu­neh­men­de Markt­be­deu­tung, d. h. An­teil des Um­sat­zes am Um­satz al­ler An­bie­ter ins­ge­samt.

Kriterien sind nach Abs. 37a:

  • Plattform wird mit Gewinnerzielungsabsicht betrieben
  • Plattform mit nennenswerter bis erheblicher Marktbedeutung
  • Plattform verfolgt den hauptsächlichen bis wesentlichen Zweck, Nutzern das Speichern und Veröffentlichen großer Mengen urheberrechtlich geschützter Inhalte zu ermöglichen
  • Plattform organisiert o. g. Inhalte, bereitet diese auf und bewirbt diese

Ausnahmen werden ebenfalls festgelegt. Explizit genannt werden dabei:

  • Plattformen und Dienste, die ausschließlich zur Kommunikation genutzt werden
  • Cloud-Dienste
  • reine Datei-Hoster
  • Online-Marktplätze
  • nichtkommerzielle Online-Enzyklopädien
  • Open-Source-Plattformen zur Softwareentwicklung
  • digitale Archivprojekte für Wissenschafts und Bildungszwecke

Zum Begriff der „großen Menge“ von Inhalten sei kurz angeführt, dass laut einer 2015 veröffentlichten Angabe 400 Stunden HD-Videomaterial pro Minute auf YouTube geladen werden. Von der hauseigenen Empfehlung einer Datenrate von 8000kbit/s für Videos mit 1080p bei mittlerer Framerate ausgegangen, ergeben sich für eine Minute 8Mbit/s * 3600s * 400 = 1.44 TB pro Minute. Mittels einfacher Hochrechnung ergeben sich 86.4 TB pro Stunde und 2.07 PB (Petabyte) pro Tag (!). Es leuchtet ein, dass nur ein enger Kreis von Plattformen auch nur annähernd eine ähnliche Größenordnung in Speicher- und Verarbeitungskapazität erreichen wird.

Fazit: Ziel der Richtlinie sind große Unternehmen.

Warum wird ei­ne sol­che Richt­li­nie be­nö­tigt?

Ant­wort: Die­se Fra­ge könn­te man in ei­nem ex­tra Bei­trag ab­han­deln, da sie sehr weit führt.

Nach­trag, 05. Mai: Ein ei­ge­ner Bei­trag da­zu ist in Ar­beit.

Der­zeit er­wirt­schaf­ten große Platt­for­men statt­li­che Pro­fi­te mit In­hal­ten, die ih­nen nicht ge­hö­ren. Die Ur­he­ber der In­hal­te, dies sind in den gän­gigs­ten Fäl­len Mu­si­ker, Film­schaf­fen­de, De­si­gner, (Dreh­buch-) Au­to­ren, Jour­na­lis­ten und wei­te­re Künst­ler, ge­hen da­bei meist leer aus, und kön­nen von ih­rer Ar­beit nur noch schwer le­ben.

Das Leit­pro­blem hier­bei sind feh­len­de Li­zenz­ver­ein­ba­run­gen für In­hal­te, für die de­ment­spre­chend auch kei­ner­lei Tan­tie­men für Ur­he­ber ge­ne­riert wer­den, die über Ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten ein­ge­zo­gen und aus­ge­schüt­tet wer­den kön­nen.

Umsetzung

Was ist ein „Upload-Fil­ter“?

Ant­wort: Ei­ne Soft­wa­re, die vor der Ver­öf­fent­li­chung ei­nes hoch­ge­la­de­nen In­halts die­sen auf ein be­stimm­tes Kri­te­ri­um prüft. Je nach­dem, wor­auf ge­prüft wird und wie der Fil­ter pro­gram­miert ist, kann die Ver­öf­fent­li­chung so ver­hin­dert oder zu­ge­las­sen wer­den.

Wich­tig zu ver­ste­hen da­bei sind zwei Din­ge:

  1. Ein Upload-Fil­ter ba­siert grund­sätz­lich auf ei­ner Soft­wa­re zur In­halts­er­ken­nung (In­halts­er­ken­nungs­tech­no­lo­gie).
  2. Er stellt je­doch be­reits ei­ne ganz be­stimm­te Im­ple­men­tie­rung die­ser dar, da die­se so zur Vor­ab­kon­trol­le ein­ge­setzt wird.

Al­go­rith­men zur In­halts­er­ken­nung sind be­reits auf vie­len großen Platt­for­men im Ein­satz, funk­tio­nie­ren dort aber in der Re­gel nicht als „Upload-Fil­ter“ im en­ge­ren Sin­ne, da sie nicht vor der Ver­öf­fent­li­chung an­ge­wandt wer­den. Tref­fen­der könn­ten die­se als „Scan­ner“ be­zeich­net wer­den. So­zia­le Netz­wer­ke wie Fa­ce­book, Twit­ter, frü­her auch stu­diVZ nut­zen die­se bei­spiels­wei­se zur De­tek­ti­on an­stö­ßi­ger oder ju­gend­ge­fähr­den­der In­hal­te. Ein ak­tu­el­ler An­lass war bei­spiels­wei­se die Ein­däm­mung der Ver­brei­tung von Vi­deos des An­schlags von Christchurch. Sinn­vol­le An­wen­dun­gen sol­cher Al­go­rith­men exis­tie­ren al­so durch­aus; eben­so stel­len z. T. ba­na­le Hin­ter­grund­funk­tio­nen wie et­wa Sor­tie­rungs-, Such- oder In­de­xie­rungs­diens­te ge­nau­so In­halts­er­ken­nungs­tech­no­lo­gi­en im wei­te­ren Sin­ne dar. Der Ein­satz die­ser ist je­doch weit we­ni­ger um­strit­ten.

In­halts­er­ken­nungs­tech­no­lo­gi­en sind üb­ri­gens kei­nes­wegs ei­ne neue Er­fin­dung, der für den Durch­schnitts­an­wen­der gän­gi­ge An­wen­dungs­fall ist z. B. OCR (Op­ti­cal Cha­rac­ter Re­co­gni­ti­on), Tex­ter­ken­nungs­soft­wa­re für Scan­ner. Na­he­zu je­der wird auch ein­mal Spra­cher­ken­nung beim Mo­bil­te­le­fon oder im Au­to ver­wen­det oder ge­se­hen ha­ben. Seit ei­ni­ger Zeit ha­ben mit Ap­ps wie Shaz­am oder So­und­Hound auch Al­go­rith­men zur Iden­ti­fi­ka­ti­on von Mu­sik­stücken den Weg ins Mas­sen­pu­bli­kum ge­fun­den.

Für al­le Tech­no­lo­gi­en zur In­halts­er­ken­nung gilt al­ler­dings: Sie sind bis­her noch nicht so weit ent­wi­ckelt dass sie wirk­lich gut funk­tio­nie­ren. Al­go­rith­men kön­nen bes­ten­falls ei­ne Hilfs­funk­ti­on über­neh­men, nicht aber au­to­nom agie­ren. Ver­hält­nis­mä­ßig gut auf­spü­ren kön­nen sie zwar so­ge­nann­te di­gi­ta­le Was­ser­zei­chen (spe­zi­el­le Si­gna­tu­ren, die die Iden­ti­fi­ka­ti­on von Me­di­en­da­tei­en er­mög­li­chen) – das setzt aber vor­aus, dass die­se auch vor­han­den sind. Ei­ne tat­säch­li­che Kon­trol­le von In­hal­ten mit­tels „Upload-Fil­ter“ wä­re da­her tech­nisch (wenn über­haupt) nur sehr ein­ge­schränkt mög­lich.

Um so mehr ver­wun­dert es, wel­chen Raum die­ser Be­griff an­ge­sichts o. a. Sach­ver­hal­te in der die Richt­li­nie be­tref­fen­den Dis­kus­si­on ein­nimmt.

Wer­den durch die Richt­li­nie sol­che „Upload-Fil­ter“ ver­pflich­tend ein­ge­führt?

Ant­wort: Nein.

Die Richt­li­nie gibt kei­nen be­stimm­ten Weg vor, auf dem ih­re Vor­ga­ben er­reicht wer­den sol­len.

Die Richt­li­nie ent­hält wei­ter­hin mit Art. 13 Abs. 7 / Art. 17 Abs. 8 den kla­ren Hin­weis, dass aus der An­wen­dung des Ar­ti­kels kei­ner­lei all­ge­mei­ne Über­wa­chungs­pflicht für In­hal­te re­sul­tie­ren darf, und ver­pflich­tet die An­bie­ter zur trans­pa­ren­ten Dar­le­gung ih­rer Maß­nah­men:

Die An­wen­dung die­ses Ar­ti­kels darf nicht zu ei­ner Pflicht zur all­ge­mei­nen Über­wa­chung füh­ren.

Die Mit­glied­staa­ten se­hen vor, dass Diens­tean­bie­ter für das Tei­len von On­li­ne-In­hal­ten den Recht­e­in­ha­bern auf de­ren Er­su­chen an­ge­mes­se­ne In­for­ma­tio­nen über die Funk­ti­ons­wei­se ih­rer Ver­fah­ren im Hin­blick auf die Zu­sam­men­ar­beit nach Ab­satz 4 und – im Fall von Li­zenz­ver­ein­ba­run­gen zwi­schen den An­bie­tern die­ser Diens­te und den Recht­e­in­ha­bern – In­for­ma­tio­nen über die Nut­zung der un­ter die­se Ver­ein­ba­run­gen fal­len­den In­hal­te be­reit­stel­len.

The application of the provisions in this article shall not lead to any general monitoring obligation.

Member States shall provide that online content sharing service providers shall provide rightholders, at their request, with adequate information on the functioning of their practices with regard tothe cooperation referred to in paragraph 4 and, where licensing agreements are concluded between service providers and rightholders, information on the use of content covered by the agreements.

An die­ser Stel­le fragt man sich na­tür­lich, warum die Dis­kus­si­on fort­wäh­rend um die­sen Be­griff kreist. Geg­ner der Richt­li­nie be­grün­den dies da­mit, dass der Platt­for­man­bie­ter ab Ver­öf­fent­li­chung ei­nes nicht li­zen­zier­ten Werks für die­ses in die Haf­tung ge­nom­men wer­den kann, was ei­ne Vor­ab­kon­trol­le un­er­läss­lich ma­che.

Wir be­trach­ten da­her Ar­ti­kel 13 Ab­satz 4 / Art. 17 Abs. 4, der die Ver­pflich­tun­gen der Platt­for­man­bie­ter im De­tail re­gu­liert.

Wird die Erlaubnis nicht erteilt, so ist der Diensteanbieter für das Teilen von Online-Inhalten für nicht erlaubte Handlungen der öffentlichen Wiedergabe, einschließlich der öffentlichen Zugänglichmachung, urheberrechtlich geschützter Werke oder sonstiger Schutzgegenstände verantwortlich, es sei denn, der Anbieter dieser Dienste erbringt den Nachweis, dass er

  1. alle Anstrengungen unternommen hat, um die Erlaubnis einzuholen; und
  2. nach Maßgabe hoher branchenüblicher Standards für die berufliche Sorgfalt alle Anstrengungen unternommen hat, um sicherzustellen, dass bestimmte Werke und sonstige Schutzgegenstände, zu denen die Rechteinhaber den Anbietern dieser Dienste einschlägige und notwendige Informationen bereitgestellt haben, nicht verfügbar sind; und in jedem Fall
  3. nach Erhalt eines hinreichend begründeten Hinweises von den Rechteinhabern unverzüglich gehandelt hat, um den Zugang zu den entsprechenden Werken oder sonstigen Schutzgegenständen zu sperren bzw. die entsprechenden Werke oder sonstigen Schutzgegenstände von seinen Internetseiten zu entfernen, und alle Anstrengungen unternommen hat, um gemäß Buchstabe b das künftige Hochladen dieser Werke oder sonstigen Schutzgegenstände zu verhindern.

If no authorisation is granted, online content sharing service providers shall be liable for unauthorised acts of communication to the public of copyright protected works and other subject matter, unless the service providers demonstrate that they have:

  1. made best efforts to obtain an authorisation, and
  2. made,  in  accordance  with high industry  standards  of  professional  diligence, best  efforts  to  ensure  the  unavailability  of  specific  works  and  other  subject matter for which the rightholders have provided  the service providers with the relevant and necessary information, and in any event
  3. acted   expeditiously,   upon   receiving   a   sufficiently   substantiated   notice   by   the rightholders,  to  remove  from  their  websites  or  to  disable  access  to  the  notified  works and subject matters, and made best efforts to prevent their future uploads in accordance with paragraph (b)

Hieraus geht her­vor: Der Platt­for­man­bie­ter ist – theo­re­tisch je­den­falls – für je­den Über­mitt­lungs­vor­gang ei­nes nicht li­zen­zier­ten ur­he­ber­recht­lich ge­schütz­ten Werks haft­bar. Ei­ne grund­sätz­li­che Ver­pflich­tung, vor der Ver­öf­fent­li­chung si­cher­zu­stel­len dass die nut­zer­sei­tig hoch­ge­la­de­nen Wer­ke nicht ur­he­ber­recht­lich ge­schützt oder li­zen­ziert sind, folgt je­doch hieraus eben nicht. (Dies ist der gän­gigs­te Irr­tum).

Zum nä­he­ren Ver­ständ­nis ein kur­z­er Blick nach Deutsch­land zu­rück. Der­ar­ti­ge Ver­pflich­tun­gen sind näm­lich kei­nes­wegs et­was neu­es. Ent­spre­chen­de Ur­tei­le exis­tie­ren in Deutsch­land be­reits seit län­ge­rer Zeit, wenn auch nicht ex­akt im glei­chen Kon­text, sie­he hier­zu:

Der BGH be­stä­tig­te ein Ur­teil des LG Ham­burg so­wie des OLG Ham­burg (Voll­text). Leit­sät­ze:

  1. Ist das Geschäftsmodell eines File-Hosting-Dienstes nicht von vornherein auf Rechtsverletzungen angelegt, ist der Umstand, dass der Betreiber durch eigene Maßnahmen die Gefahr einer rechtsverletzenden Nutzung des Dienstes fördert, bei der Bestimmung des Umfangs der ihm als Störer obliegenden Prüfpflichten zu berücksichtigen (Fortführung von BGH, Urteil vom 12.Juli 2012 - I ZR18/11, BGHZ 194, 339 Rn 21 ff. - Alone in the Dark).
  2. Leistet ein File-Hosting-Dienst durch sein konkretes Geschäftsmodell Urheberrechtsverletzungen in erheblichem Umfang Vorschub, so ist ihm eine umfassende regelmäßige Kontrolle der Linksammlungen zuzumuten, die auf seinen Dienst verweisen (Fortführung von BGHZ 194, 339 Rn 39 - Alone in the Dark).
  3. Die Prüfpflichten des Störers, die sich danach ergeben, bestehen in Bezug auf jedes Werk, hinsichtlich dessen ihm eine klare Rechtsverletzung angezeigt worden ist; sie verringern sich nicht deswegen, weil er auf eine große Zahl von Verletzungen im Streitfall auf das Öffentlich-Zugänglichmachen von über 4800 Musiktiteln hingewiesen worden ist.

(Das Ur­teil des BGH im Voll­text)

Besonders interessant ist jedoch die vorausgegangene Entscheidung:

Der BGH hob ein Urteil des OLG Düsseldorf (Volltext) nach Revisionsantrag auf. Leitsätze:

  1. Ein File-Hosting-Dienst, der im Internet Speicherplatz zur Verfügung stellt, kann als Störer haften, wenn urheberrechtsverletzende Dateien durch Nutzer seines Dienstes öffentlich zugänglich gemacht werden, obwohl ihm zuvor ein Hinweis auf die klare Rechtsverletzung gegeben worden ist. Nach einem solchen Hinweis muss der File-Hosting-Dienst im Rahmen des technisch und wirtschaftlich Zumutbaren verhindern, dass derselbe oder andere Nutzer das ihm konkret benannte, urheberrechtlich geschützte Werk Dritten erneut über seine Server anbieten.
  2. Die Eignung eines Wortfilters mit manueller Nachkontrolle für die Erkennung von Urheberrechtsverletzungen wird nicht dadurch beseitigt, dass er mögliche Verletzungshandlungen nicht vollständig erfassen kann.
  3. Zur Vermeidung einer Störerhaftung kann ein File-Hosting-Dienst auch verpflichtet sein, im üblichen Suchweg eine kleine Anzahl einschlägiger Linksammlungen manuell darauf zu überprüfen, ob sie Verweise auf bestimmte bei ihm gespeicherte urheberrechtsverletzende Dateien enthalten.

(Das Urteil des BGH im Volltext)

In­ter­essant ist die­se aus zwei Grün­den.

Der ers­te: Dar­in wer­den be­reits „Fil­ter“ – in die­sem Fall „Wort­fil­ter“ – be­han­delt, nur mit ei­nem wich­ti­gen Zu­satz: ma­nu­el­le Nach­kon­trol­le. Wir er­in­nern uns: Al­go­rith­men kön­nen nicht au­to­nom han­deln, je­doch mög­li­cher­wei­se Hilfs­funk­tio­nen über­neh­men.

Der zwei­te: Das dort ge­nann­te Kri­te­ri­um des tech­nisch und wirt­schaft­lich Zu­mut­ba­ren. Mit der auf­er­leg­ten Pflicht zur Ver­hin­de­rung des Zu­gäng­lich­ma­chens ur­he­ber­recht­lich ge­schütz­ter Wer­ke geht da­her hier (und eben­so in Art. 13 / Art. 17 Abs. 4) kei­nes­wegs ei­ne Zwangs­ver­pflich­tung zu exis­tenz­be­dro­hen­den oder un­mög­li­chen Maß­nah­men ein­her.

Vor­aus­set­zung für jeg­li­che Prü­fung ist in je­dem Fall, dass der Be­trei­ber wie in Ab­satz 4 b) von Art. 13 / Art. 17 ver­merkt mit den not­wen­di­gen In­for­ma­tio­nen ver­sorgt sein muss.

Der Voll­stän­dig­keit hal­ber:

Hier­bei han­delt es sich um ei­nes von zwei Par­al­lel­ver­fah­ren, die am sel­ben Tag wie das oben an­ge­führ­te AZ I ZR 80/12 ent­schie­den wur­den. Im Rechtss­treit I ZR 79/12 (Voll­text­fas­sung) gin­gen die Ver­la­ge de Gruy­ter und Cam­pus da­ge­gen vor, dass trotz ent­spre­chen­der Hin­wei­se auch wei­ter­hin Bü­cher aus Ih­rem Sor­ti­ment auf ent­spre­chen­den Platt­for­men her­un­ter­ge­la­den wer­den konn­ten.

Der BGH wies ei­ne Re­vi­si­on der Platt­form­be­trei­ber ab und führ­te da­zu aus, dass auch „wenn das Ge­schäfts­mo­dell der Be­klag­ten grund­sätz­lich den Schutz der Rechts­ord­nung ver­die­ne, ber­ge es struk­tu­rell in ei­nem Um­fang die Ge­fahr mas­sen­haf­ter Ur­he­ber­rechts­ver­let­zun­gen in sich, dass der Be­klag­ten er­heb­lich ge­stei­ger­te Prüf- und Hand­lungs­pflich­ten zur Ver­hin­de­rung von Ur­he­ber­rechts­ver­let­zun­gen zu­zu­mu­ten sei­en.“

Im zwei­ten Par­al­lel­ver­fah­ren (Ur­teil im Voll­text) hat­te sich ein Film­ver­leih da­ge­gen ge­wandt, dass über ei­ne Platt­form trotz be­reits er­folg­ter Be­schwer­de der Film „Der Vor­le­ser“ öf­fent­lich zu­gäng­lich war.

Der Te­nor der zi­tier­ten Ent­schei­dun­gen soll­te deut­lich er­kenn­bar sein. Als wich­ti­ger Hin­weis: Die­se be­zie­hen sich auf einen An­bieter­typ, des­sen Ge­schäfts­mo­dell dem von Cloud-Diens­ten wie Drop­box am ähn­lichs­ten wä­re und da­her un­ter die in der Richt­li­nie ge­nann­ten Aus­nah­men fal­len wür­de. Die Recht­spre­chung auf EU-Mit­glieds­staa­te­ne­be­ne hat die Ver­pflich­tun­gen von Platt­for­men z. T. so­mit deut­lich stren­ger aus­ge­legt.

Wir hal­ten fest: Es gibt kei­ne grund­sätz­li­che Pflicht zum Prü­fen sämt­li­cher (po­ten­ti­ell ur­he­ber­recht­lich ge­schütz­ter) In­hal­te für Platt­for­men, je­doch durch­aus für be­stimm­te Wer­ke, wenn die­se be­tref­fend Ur­he­ber­rechts­ver­let­zun­gen ge­mel­det wer­den.

Wir hal­ten eben­so fest: Die Richt­li­nie ver­pflich­tet nur zur Un­ter­nah­me „al­ler An­stren­gun­gen“ bzw. zum „best ef­fort“, so­wohl was den Li­zen­z­er­werb als auch die Maß­nah­men ge­gen rechts­wid­rig hoch­ge­la­de­ne In­hal­te an­geht. Be­stimm­te tech­ni­sche oder sons­ti­ge Ver­fah­ren sind da­bei nicht vor­ge­schrie­ben. Dies gilt auch für das for­mu­lier­te Ziel, „das künf­ti­ge Hoch­la­den“ be­stimm­ter Wer­ke zu ver­hin­dern.

Um die Ant­wort auf die Fra­ge zuen­de zu füh­ren:

Die Be­din­gun­gen des Abs. 4 kön­nen durch den Ein­satz von sog. „Upload-Fil­tern“ als er­füllt be­trach­tet wer­den, die Be­haup­tung je­doch dass die­se sich aus­schließ­lich durch den Ein­satz sol­cher er­fül­len las­sen, ist schlicht und er­grei­fend falsch, ins­be­son­de­re des­halb, weil da­mit – tat­sa­chen­wid­rig – sug­ge­riert wird dass die­se für al­le Platt­for­men zur Auf­la­ge ge­macht wür­den, was für klei­ne­re Platt­for­men nicht zu leis­ten sei.

Ei­ner der we­sent­li­chen Aspek­te da­bei ist: Selbst mit ei­ner Vor­ab­kon­trol­le durch In­halts­er­ken­nungs­tech­no­lo­gi­en wür­de be­dingt durch tech­ni­sche Un­zu­läng­lich­kei­ten die­ser nur ein Teil der wi­der­recht­lich hoch­ge­la­de­nen In­hal­te er­kannt. Ob de­ren Ein­satz vor der Ver­öf­fent­li­chung hoch­ge­la­de­ner In­hal­te, un­we­sent­li­che Zeit nach die­ser oder stich­pro­ben­ar­tig er­folgt, ist da­bei eher von un­ter­ge­ord­ne­ter Be­deu­tung, da das Er­geb­nis gleich schlecht blei­ben wird. Um­so be­fremd­li­cher wirkt in An­be­tracht des­sen, dass die Dis­kus­si­on fort­wäh­rend auf den Be­griff der „Upload-Fil­ter“ ver­engt wird.

We­sent­lich re­le­van­ter sind je­doch an­de­re Mög­lich­kei­ten. Wel­che es da gibt, er­klärt der Ab­schnitt: Be­droht die Re­form klei­ne Un­ter­neh­men?

Fa­zit: Die Qua­dra­tur des Krei­ses ei­ner Ziel­vor­ga­be, die prak­tisch nicht zu er­fül­len ist, je­doch zu­gleich mit der Ver­pflich­tung zu „al­len An­stren­gun­gen“ ih­rer Er­fül­lung mög­lichst na­he­zu­kom­men ein­her­geht, mag ver­wir­ren. Tat­säch­lich trifft sie ex­akt den Kern des Pro­blems: Das Ziel der Richt­li­nie ist Li­zen­zie­ren, nicht Sper­ren oder „Fil­tern“.

Trotz­dem muss man sich auch mit der häu­fig ge­stell­ten Fra­ge / Ver­mu­tung be­fas­sen:

Gibt es zwar kei­ne ex­pli­zi­te, aber im­pli­zi­te Pflicht für „Upload-Fil­ter“?

Ant­wort: Lässt sich in die­sem Fall nur dif­fe­ren­ziert ge­ben.

Ei­ne Vor­ga­be zum Ein­satz von In­halts­er­ken­nungs­tech­no­lo­gi­en ist in der Richt­li­nie nicht ent­hal­ten, da­her gibt es selbst­ver­ständ­lich auch kei­ne Vor­ga­be zu de­ren kon­kre­ter Im­ple­men­tie­rung.

Zahl­rei­che Sach­ver­stän­di­ge so­wie auch die Bun­des­re­gie­rung ha­ben be­stä­tigt, dass je­den­falls bei großen Platt­for­men der Ein­satz von Al­go­rith­men zur In­halts­er­ken­nung mit ho­her Wahr­schein­lich­keit er­fol­gen wird. Dies je­doch ist nicht gleich­zu­set­zen mit ei­ner Ver­pflich­tung für „Upload-Fil­ter“ (wenn auch ir­re­füh­ren­der­wei­se im ver­link­ten Ar­ti­kel der FAZ so be­zeich­net).

Die Be­to­nung liegt 1. ein­hel­lig die­se be­tref­fend auf großen Platt­for­men, mit ent­spre­chend ge­nau­so großen hoch­ge­la­de­nen Da­ten­men­gen, die in der Tat nicht mehr oh­ne Zu­hil­fe­nah­me von Al­go­rith­men ge­sich­tet / ver­ar­bei­tet wer­den kön­nen. Ob die­se 2. in Form ei­ner Vor­ab­kon­trol­le, d. h. tat­säch­lich als „Fil­ter“ fun­gie­ren ist da­mit des Wei­te­ren eben nicht fest­ge­stellt, da der­ar­ti­ge Al­go­rith­men auf ver­schie­dens­te Art ein­ge­setzt wer­den kön­nen, bei­spiels­wei­se zu­nächst nur „Ver­dachts­fäl­le“ aus­fin­dig ma­chen, die dann durch­aus hän­disch – da in we­sent­lich ge­rin­ge­rer An­zahl vor­han­den – kon­trol­liert wer­den.

An der be­ste­hen­den Si­tua­ti­on än­dert das dar­über hin­aus we­nig. Be­sag­te Platt­for­men ent­spre­chen­der Grö­ße set­zen In­halts­er­ken­nungs­tech­no­lo­gi­en be­reits lan­ge ein, eher mit mä­ßi­gem als gu­tem Er­folg. Hieraus er­klärt sich, warum sie in der Richt­li­nie nicht vor­ge­se­hen sind und noch un­wahr­schein­li­cher ist es, dass ein Ge­richt die­se für ob­li­ga­to­risch er­klä­ren wür­de, da sie kein son­der­lich pro­ba­tes Mit­tel zur Kon­trol­le von In­for­ma­tio­nen dar­stel­len, erst recht nicht im au­to­no­men Ein­satz. (vgl. hier­zu auch Ur­tei­le des BGH im letz­ten Ab­schnitt).

Fa­zit: Ei­ne de-fac­to-Ver­pflich­tung zum Ein­satz von In­halts­er­ken­nungs­tech­no­lo­gi­en wä­re höchs­tens für große Platt­for­men zu be­ja­hen, die die­se oh­ne­hin be­reits ein­set­zen.

Trotz­dem führt die­ser Ein­wand zur nächs­ten Fra­ge:

Be­droht die Re­form klei­ne Un­ter­neh­men, die über der­ar­ti­ge Tech­no­lo­gi­en nicht ver­fü­gen?

Ant­wort: Nein. In der Richt­li­nie fin­den sich da­zu min­des­tens zwei Lö­sungs­we­ge.

Der ers­te fin­det sich in Ar­ti­kel 13 Abs. 4aa / Art. 17 Abs. 6: Aus­nah­men für Start-Ups. Für klei­ne und jun­ge Un­ter­neh­men, sog. Start-Ups, sind ex­pli­zit Aus­nah­men vor­ge­se­hen. Die Haf­tung so­wie Prüf­pflich­ten sind deut­lich ge­lo­ckert, wenn das An­ge­bot ei­nes Un­ter­neh­mens we­ni­ger als drei Jah­re ver­füg­bar ist, das Un­ter­neh­men einen Um­satz un­ter 10 Mio. € er­wirt­schaf­tet und das Un­ter­neh­men un­ter 5 Mio. er­mit­tel­ter Zu­grif­fe pro Mo­nat auf sei­ne Diens­te liegt. (Al­le drei Kri­te­ri­en müs­sen nach ak­tu­el­lem Stand des Richt­li­nienent­wurfs er­füllt sein).

Der zwei­te fin­det sich in Ar­ti­kel 9a: Er­werb von Pau­schal­li­zen­zen. Platt­for­men kön­nen in Ab­hän­gig­keit von ih­rer Reich­wei­te, an­ge­bo­te­nem In­halt usw. in­di­vi­du­el­le Pau­schal­li­zen­zen mit Kol­lek­tiv­ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten in Deutsch­land GE­MA, VG Wort, VG Bild­kunst, etc.  aus­han­deln. (Ähn­lich funk­tio­niert das schon lan­ge z. B. bei klei­ne­ren Ra­dio­sen­dern). Die Richt­li­nie sieht vor, dass sol­che Li­zen­zen auch auf Nut­zungs­rech­te aus­ge­wei­tet wer­den kön­nen, de­ren In­ha­ber noch nicht Mit­glie­der der ent­spre­chen­den Ge­sell­schaft sind. Dies wird auch be­zeich­net als „Ex­ten­ded Col­lec­ti­ve Li­cen­se“ (ECL). Für ei­ne ent­spre­chen­de Ei­ni­gung mit dem Recht­e­in­ha­ber ist dann die­se Kol­lek­tiv­ver­wer­tungs­ge­sell­schaft zu­stän­dig, eben­so kann der Ur­he­ber je­doch ei­ner wei­te­ren Nut­zung wi­der­spre­chen, wenn er dies nicht wünscht.

Für Recht­e­in­ha­ber im Aus­land be­ste­hen Ge­gen­sei­tig­keits­ver­ein­ba­run­gen der Kol­lek­tiv­ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten. Ei­ne Ver­trags­pflicht „mit der gan­zen Welt“ exis­tiert aus leicht er­sicht­li­chen Grün­den nicht.

Haft­bar ist ein Platt­for­man­bie­ter nach Art. 13 Abs. 4 (theo­re­tisch) für je­den Über­mitt­lungs­vor­gang ei­nes nicht li­zen­zier­ten Werks, au­ßer die in Abs. 4 ge­nann­ten Be­din­gun­gen (sie­he letz­ter Ab­schnitt) wur­den er­füllt. Mit dem Er­werb ei­ner Pau­schal­li­zenz soll­te Abs. 4 Ab­schnitt a) be­reits er­füllt sein.

Für al­le Maß­nah­men je­doch, zu de­nen ein Platt­for­man­bie­ter ver­pflich­tet ist gilt der Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit. Die­ser ist fest­ge­hal­ten in Ab­satz 4a bzw. Abs. 5:

Bei der Feststellung, ob der Diensteanbieter den in Absatz 4 festgelegten Verpflichtungen nachgekommen ist, wird im Lichte des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit unter anderem Folgendes berücksichtigt:

  1. die Art, das Publikum und der Umfang der Dienste sowie die Art der von den Nutzern des Dienstes hochgeladenen Werke oder sonstigen Schutzgegenstände; und
  2. die Verfügbarkeit geeigneter und wirksamer Mittel und die Kosten, die den Anbietern dieser Dienste hierfür entstehen.

In determining whether the service has complied with its obligations under paragraph 4 and in the light of the principle of proportionality the following should, among others be taken into account:

  1.  the type, the audience and the size of services andthe type of works or other subject matter uploaded by the users;
  2. the availability of suitable and effective means and their cost for service providers

Ne­ben dem be­reits ge­nann­ten Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­satz (prin­ci­ple of pro­por­tio­na­li­ty), der in ei­nem Rechts­staat oh­ne­hin ver­bind­lich ist, wer­den hier Ent­schei­dungs­kri­te­ri­en für die Er­fül­lung der Be­din­gun­gen des Ab­satz 4 fest­ge­legt. Der wich­tigs­te Satz steht ganz am Schluss: Die Ver­füg­bar­keit an­ge­mes­se­ner und wirk­sa­mer Maß­nah­men, so­wie de­ren Kos­ten für die Diens­tean­bie­ter.

Wir hal­ten fest: Zu Maß­nah­men, die für den Platt­for­man­bie­ter (et­wa per­so­nell oder aus Kos­ten­grün­den) nicht zu leis­ten sind, oder tech­nisch an der Gren­ze der Un­mög­lich­keit lie­gen, kann er auch nicht ver­pflich­tet wer­den.

Fa­zit: Die Richt­li­nie sieht ne­ben ih­rer be­reits er­läu­ter­ten Selbst­be­schrän­kung Aus­nah­men so­wie an­pass­ba­re Lö­sungs­we­ge für klei­ne und mit­tel­stän­di­sche Un­ter­neh­men vor, die die Be­las­tun­gen für die­se auf das ver­tret­ba­re Maß be­schrän­ken. Auf den recht­staat­lich all­ge­mein­gül­ti­gen Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit wird wei­ter ver­wie­sen.

Ein klei­ner Vor­griff auf den nächs­ten Ab­schnitt ist hier in­ter­essant. In der ein­schlä­gi­gen Kom­men­tar­li­te­ra­tur des deut­schen Grund­ge­set­zes fin­det sich der Hin­weis:

Bei er­dros­seln­den Ab­ga­ben kann (...) ein Ver­bot oder ei­ne Be­hin­de­rung i. S. des tech­ni­schen Zen­sur­be­griffs vor­lie­gen.

Starck / Pau­lus, II. Zensurverbot, Art. 5 GG Abs. 1 S. 3 in: v. Man­goldt / Klein / Starck, Kommentar zum Grundgesetz: GG Rn 263 / S. 640

Ei­ne Ver­pflich­tung zu Ab­ga­ben (et­wa in Form von Li­zenz­ge­büh­ren), die ei­nem An­bie­ter fak­tisch den Wei­ter­be­trieb sei­ner Platt­form ver­un­mög­li­chen, wä­re da­her je­den­falls mit dem Grund­ge­setz un­ver­ein­bar.

Ist das Zen­sur? Oder er­mög­licht das Zen­sur?

Ant­wort: Der Be­griff „Zen­sur“ be­zeich­net staat­li­che Auf­sicht über Ver­öf­fent­li­chun­gen. (vgl. hier­zu Kö­b­ler: Ju­ris­ti­sches Wör­ter­buch, Ver­lag Vah­len, für ers­te De­fi­ni­ti­on). Das ist hier de­fi­ni­tiv nicht der Fall. Ei­ne sol­che wä­re nach Art. 5 Abs. 1 Satz 3 des Grund­ge­set­zes so­wie eben­so der EU-Grund­recht­echar­ta völ­lig of­fen­sicht­lich ver­fas­sungs­wid­rig.

Der Zen­sur­vor­wurf wird in der Dis­kus­si­on um Ar­ti­kel 13 be­harr­lich auf­recht­er­hal­ten und hat für ei­ne er­heb­li­che Emo­tio­na­li­sie­rung die­ser ge­sorgt. Es ist da­her um so wich­ti­ger, sich gründ­lich mit die­sem aus­ein­an­der zu set­zen. Wir be­gin­nen mit der Rechts­grund­la­ge, na­ment­lich dem Ver­bot der Zen­sur im deut­schen Grund­ge­setz:

Je­der hat das Recht, sei­ne Mei­nung in Wort, Schrift und Bild frei zu äu­ßern und zu ver­brei­ten und sich aus all­ge­mein zu­gäng­li­chen Quel­len un­ge­hin­dert zu un­ter­rich­ten. Die Pres­se­frei­heit und die Frei­heit der Be­richt­er­stat­tung durch Rund­funk und Film wer­den ge­währ­leis­tet. Ei­ne Zen­sur fin­det nicht statt.

– Art. 5 Abs. 1 GG

Zur nä­he­ren De­fi­ni­ti­on fin­det sich in ein­schlä­gi­ger Fach­li­te­ra­tur:

Zen­sur i. S. d. Art. 5 Abs. 1 S. 3 ist ein prä­ven­ti­ves Ver­fah­ren, „vor des­sen Ab­schluss ein Werk nicht ver­öf­fent­licht wer­den darf.“ (BVerf­GE 87,209/230). Da­zu ge­hö­ren auch Ein­grif­fe in die Grund­rech­te des Abs. 1, de­ren Fol­gen ei­nem prä­ven­ti­ven Ver­fah­ren fak­tisch gleich­kom­men. (Beth­ge, SA, Art. 5 Rn 135b; Gucht, 135ff; un­klar E87 209/232f). Er­faßt ist nur die sog. Vor- oder Prä­ven­tiv­zen­sur (aA Hoff­mann-Riem, Hdb. Ver­fR, S. 221). Nach­träg­li­che Kon­troll- und Re­pres­si­ons­maß­nah­men sind da­ge­gen so­lan­ge zu­läs­sig, als sie sich im Rah­men der dar­ge­stell­ten Schran­ken des Art. 5 Abs. 2 hal­ten. 

Pie­roth / Schlink, Rn 605 / S. 151

Wir hal­ten fest: Zen­sur ist ein prä­ven­ti­ves Ver­fah­ren, das heißt, sie muss vor der Ver­öf­fent­li­chung vor­ge­schrie­ben sein. Dies wä­re ein Kri­te­ri­um, das für den Fall ei­nes „Upload-Fil­ters“ i. e. S. zu­nächst als er­füllt be­trach­tet wer­den könn­te. Ge­nau­er spe­zi­fi­ziert hier die Kom­men­tar­li­te­ra­tur des deut­schen Grund­ge­set­zes:

Un­ter Vor­zen­sur ist die prä­ven­ti­ve Vor­schal­tung ei­nes be­hörd­li­chen Ver­fah­rens zu ver­ste­hen, wel­che die Ab­fas­sung, Her­stel­lung oder Ver­brei­tung ei­nes Wer­kes von be­hörd­li­cher Vor­prü­fung oder Ge­neh­mi­gung sei­nes In­halts ab­hän­gig macht (BVerf­GE 33,52/72, 47,198/236, 73,118/166, 87,209/230; Schmidt-Jort­zig in HStR, Bd. VII, 3. Aufl. 2009, § 162 Bd. Rn 25 ff).

von der De­cken, Art. 5 GG in: Schmidt-Bleib­treu, Kommentar zum Grundgesetz, Rn 39 / S. 349

Als Zensur gilt nicht jedes beliebige präventive Verfahren, sondern nur jedes be­hörd­li­che. Der Man­goldt-Kommentar führt neben der Bestätigung des bereits genannten weiter aus:

Der tech­ni­sche Zen­sur­vor­gang be­steht aus vier Ele­men­ten: Ver­bot der Mei­nungs­äu­ße­rung oh­ne be­son­de­re Er­laub­nis; Ge­bot, Mei­nungs­äu­ße­run­gen vor der Ver­öf­fent­li­chung ei­ner Be­hör­de vor­zu­le­gen; Er­laub­nis oder Ver­bot durch die Be­hör­de; Zwangs­mit­tel der Be­hör­de, um Ver­bo­te durch­zu­set­zen.

Starck / Pau­lus, II. Zensurverbot, Art. 5 GG Abs. 1 S. 3 in: v. Man­goldt / Klein / Starck, Kommentar zum Grundgesetz: GG Rn 259 / S. 639

Eben­so wird klar­ge­stellt:

Das Zen­sur­ver­bot be­trifft nur staat­li­che Maß­nah­men, und Maß­nah­men von an­de­ren Trä­gern öf­fent­li­cher Ge­walt, die vom Staat ab­hän­gig sind (...) .

– ebd., Rn 264 / S. 641

Ar­ti­kel 11 der Grund­recht­echar­ta der EU ist dies­be­züg­lich eben­falls ein­deu­tig ge­fasst:

Je­de Per­son hat das Recht auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung. Die­ses Recht schließt die Mei­nungs­frei­heit und die Frei­heit ein, In­for­ma­tio­nen und Ide­en oh­ne be­hörd­li­che Ein­grif­fe und oh­ne Rück­sicht auf Staats­gren­zen zu emp­fan­gen und wei­ter­zu­ge­ben.

– Art. 11 Abs. 1 GRCh

Wir hal­ten al­so fest: So­wohl Ar­ti­kel 5 I 3 GG als auch Ar­ti­kel 11 der EU-Grund­recht­schar­ta re­geln aus­schließ­lich staat­li­che Ein­grif­fe in das Recht auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung; ei­ne Be­schrän­kung die­ser bzw. Mo­de­ra­ti­on nach ei­ge­nen Grund­sät­zen ei­ner Platt­form wird hier­von we­der ver­bo­ten noch vor­ge­schrie­ben. Erst recht je­doch nicht ver­bie­ten die­se die Wahr­neh­mung und Durch­set­zung der An­sprü­che Drit­ter, das be­deu­tet Pri­vat­per­so­nen, Un­ter­neh­men und Ge­sell­schaf­ten die sol­che ver­tre­ten.

Was die Prü­fung von In­hal­ten be­stimm­ter In­ter­net­por­ta­le zur Si­cher­stel­lung ur­he­ber­recht­li­cher An­sprü­che an­geht, so gilt hier dass der Staat eben ge­nau nicht der­je­ni­ge ist, der die die­se aus­übt. Ei­ne Vor­la­ge­pflicht bei Be­hör­den oder die­sen gleich zu ach­ten­den In­sti­tu­tio­nen gibt es nicht. Eben­so übt er kei­ner­lei Ein­fluss dar­auf aus, wel­che In­hal­te kon­kret von der Ver­öf­fent­li­chung aus­ge­nom­men wer­den sol­len. Mit­hin liegt ein sol­cher staat­li­cher Ein­griff nicht vor. Dies wä­re selbst dann nicht der Fall, wenn es zu ei­ner flä­chen­de­cken­den An­wen­dung von „Upload-Fil­tern“ oder ver­gleich­ba­ren In­halts­er­ken­nungs­tech­no­lo­gi­en kom­men wür­de (was durch die Richt­li­nie nicht vor­ge­se­hen ist).

Eben­so exis­tiert auch kei­ne all­ge­mei­ne Vor­schrift im Sin­ne ei­nes Ver­bots der Ver­öf­fent­li­chung: Der An­wen­dungs­be­reich des Ar­ti­kel 13 ist klar ein­ge­schränkt auf kom­mer­zi­el­le An­bie­ter be­stimm­ter Grö­ße so­wie be­stimm­te Ge­schäfts­mo­del­le. Al­le sons­ti­gen We­ge der Mei­nungs­äu­ße­rung au­ßer­halb be­stimm­ter Platt­for­men blei­ben von des­sen Vor­ga­ben un­be­rührt und ste­hen un­ver­än­dert zur Ver­fü­gung.

Weiterhin findet sich im Man­goldt-Kommentar der Hinweis:

Das Zen­sur­ver­bot gilt grund­sätz­lich auch für Mei­nungs­äu­ße­run­gen im In­ter­net, sei­ne dor­ti­ge Aus­übung er­schr­eint aber je­den­falls in Deutsch­land schwer vor­stell­bar, weil es des­sen um­fas­sen­de Über­wa­chung vor­aus­setz­te. Öf­fent­li­che Dis­kus­sio­nen über „Zen­sur“ mei­nen da­her in der Sa­che an­geb­lich un­ver­hält­nis­mä­ßi­ge Ein­schrän­kun­gen der Mei­nungs­äu­ße­rungs­frei­heit, die an den üb­li­chen Maß­stä­ben zu mes­sen sind.

– ebd., Rn 261 / S. 640

Die­se Be­schrei­bung trifft we­sent­lich bes­ser den Kern des Pro­blems. Un­ver­hält­nis­mä­ßi­ge Ein­schrän­kun­gen der Mei­nungs-, Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und In­for­ma­ti­ons­frei­heit wur­den auch be­reits im Kon­text des Ein­sat­zes proak­ti­ver Fil­ter­tech­no­lo­gi­en durch Ge­richts­ent­schei­dun­gen (2011 und 2012) und auf EU-Ebe­ne fest­ge­stellt und für rechts­wid­rig be­fun­den. Von „Zen­sur“ sind die­se je­doch zu un­ter­schei­den.

Selbst­ver­ständ­lich ist der Grund­rechts­trä­ger in der Wahl der Dar­stel­lungs­form sei­ner Mei­nung grund­sätz­lich frei. Aus dem Grund­recht auf Mei­nungs- und In­for­ma­ti­ons­frei­heit lässt sich al­ler­dings kei­nes­wegs ein Grund­recht auf die Ver­schaf­fung von Zu­hö­rern, Po­di­en, oder ver­gleich­ba­ren Mit­teln zur Ver­brei­tung der Mei­nung ab­lei­ten (vgl. Starck / Pau­lus im Man­goldt-Kom­men­tar, Rn 91, 96) und erst recht kei­nes dar­auf frem­de In­hal­te un­er­laubt zu mo­ne­ta­ri­sie­ren.

Der oft ge­äu­ßer­te Ein­wand ei­ner zu­min­dest po­ten­ti­ell zur Zen­sur ge­eig­ne­ten In­fra­struk­tur be­darf ei­ner nä­he­ren Be­hand­lung. Grund­sätz­lich gilt: Theo­re­tisch kann man „al­les mit al­lem“ ma­chen. Es ist mög­lich, die Po­li­zei als po­li­ti­schen Macht­ap­pa­rat zu miss­brau­chen, die Kenn­zei­chen­er­fas­sung von Toll­Col­lect für die To­tal­über­wa­chung des Ver­kehrs, die mög­li­che Or­tung des Stand­orts ei­ner Per­son an­hand ih­rer Mo­bil­funk­da­ten zur Er­stel­lung ei­nes Be­we­gungs­pro­fils. Die Fra­ge ist, wie der Ein­satz sol­cher Or­ga­ne, Tech­no­lo­gi­en oder Mit­tel ge­setz­lich aus­ge­stal­tet und re­gle­men­tiert ist.

Die Richt­li­nie hält hier­zu fest:

Die Zusammenarbeit zwischen den Diensteanbietern für das Teilen von Online-Inhalten und den Rechteinhabern darf nicht bewirken, dass von Nutzern hochgeladene Werke oder sonstige Schutzgegenstände, bei denen kein Verstoß gegen das Urheberrecht oder verwandte Schutzrechte vorliegt, nicht verfügbar sind, und zwar auch dann, wenn die Nutzung eines Werkes oder sonstigen Schutzgegenstandes im Rahmen einer Ausnahme oder Beschränkung erlaubt ist. Die Mitgliedstaaten stellen sicher, dass sich alle Nutzer, die nutzergenerierte Inhalte auf Diensten für das Teilen von Online-Inhalten hochladen oder auf Diensten für das Teilen von Online-Inhalten zugänglich machen, in jedem Mitgliedstaat auf die jede der folgenden Ausnahmen oder Beschränkungen stützen können:

  1. Zitate, Kritik und Rezensionen;
  2. Nutzung zum Zwecke von Karikaturen, Parodien oder Pastiches.

The cooperation between online content service providers and rightholders shall not result in the prevention of the availability of works or other subject matter uploaded by users which do not infringe copyright and related rights, including where such works or subject matter are covered by an exception or limitation. Member States shall ensure that users in all Member States are able to rely on the following existing exceptions and limitations when uploading and making available content generated by users on online content sharing services:

  1. quotation, criticism, review;
  2. use fort he purpose of caricature, parody or pastiche.

Der An­wen­dungs­be­reich der Richt­li­nie ist klar auf das Ur­he­ber­recht be­schränkt. Be­stimm­te Aus­drucks­for­men an­de­rer Rech­te, ins­be­son­de­re der Frei­heit der Kunst und der Mei­nungs­äu­ße­rung wer­den als ge­son­dert ge­schützt aus­ge­wie­sen, hier­un­ter fal­len auch bspw. so­ge­nann­te „Me­mes“, de­ren Ver­bot zeit­wei­se be­fürch­tet wur­de.

Fa­zit: Hier von „Zen­sur“ zu spre­chen ist sach­lich falsch, mehr noch: es ist un­ver­ant­wort­lich.

Da­mit ein­her gin­ge ne­ben­bei be­merkt die An­nah­me, dass der Rechts­aus­schuss ei­nes Par­la­ments ei­nem Ge­set­ze­s­ent­wurf zu­ge­stimmt ha­ben soll, der mit des­sen ei­ge­ner Ver­fas­sung nicht ver­ein­bar ist; die Ab­sur­di­tät soll­te spä­tes­tens hier of­fen­sicht­lich wer­den.

Sehr wohl je­doch wird mit der Richt­li­nie für Diens­tean­bie­ter be­stimm­ter Art und Grö­ße ei­ne Ver­pflich­tung ge­schaf­fen, die Vor­aus­set­zun­gen für Drit­te zur Wahr­neh­mung ih­re Rech­te her­zu­stel­len. Zur Zeit ba­siert das Ge­schäfts­mo­dell be­sag­ter Diens­tean­bie­ter in er­heb­li­chem Ma­ße dar­auf, der­ar­ti­ge Rech­te nicht oder nur sehr spär­lich zu be­rück­sich­ti­gen.

Die Mo­no­pol­stel­lung be­stimm­ter Platt­for­men, so­wie die Dring­lich­keit ei­ner Re­fle­xi­on über die­se wer­den an die­ser Stel­le um so au­gen­fäl­li­ger, wenn das Schaf­fen von Auf­la­gen für sie als ei­ne Ein­schrän­kung der all­ge­mei­nen Mei­nungs­frei­heit emp­fun­den wird.

Li­te­ra­tur:

  • Kö­b­ler: Ju­ris­ti­sches Wör­ter­buch. 10. Auf­la­ge. Mün­chen, 2001, Franz Vah­len Ver­lag
  • Schmidt-Bleib­treu / Hof­mann / Hen­ne­ke: GG, Kom­men­tar zum Grund­ge­setz. 14. Auf­la­ge. Köln 2017, Carl Hey­manns Ver­lag
  • v. Man­goldt / Klein / Starck: Kom­men­tar zum Grund­ge­setz: GG. Band 1: Prä­am­bel, Art. 1-19. 7. Auf­la­ge. Mün­chen 2018, C. H. Beck Ver­lag
  • Pie­roth / Schlink: Grund­rech­te. Staats­recht II. 20. neu­be­ar­bei­te­te Auf­la­ge. Hei­del­berg, 2004, C. F. Mül­ler Ver­lag

Auswirkungen

Ist der Nut­zer nun für Ur­he­ber­rechts­ver­let­zun­gen haft­bar?

Ant­wort: Nein. Ge­nau das ist ei­ner der we­sent­li­chen Punk­te.

Durch die Aus­set­zung des sog. Haf­tungs­pri­vi­legs geht die Haf­tung nun auf die Platt­form­be­trei­ber über, so­dass der Nut­zer nun in ei­ne rechts­si­che­re Po­si­ti­on beim Hoch­la­den von In­hal­ten ge­bracht wird. Der Nut­zer muss nicht selbst die Li­zenz er­wer­ben oder nach­wei­sen, son­dern dies ist Sa­che des Platt­for­man­bie­ters, für den das auch we­sent­lich ein­fa­cher ist.

Fa­zit: Der Nut­zer wird durch die Richt­li­nie in ei­ne rechts­si­che­re Po­si­ti­on ge­bracht.

Die grund­sätz­li­che Straf­bar­keit an­de­rer Hand­lun­gen da­bei, hier­zu zäh­len der Ge­brauch ver­bo­te­ner Sym­bo­le, Volks­ver­het­zung, Be­dro­hung etc. bleibt von der Richt­li­nie un­be­rührt.

Pro­fi­tiert nicht nur Goo­gle von der Re­form, da sie Fil­ter­tech­no­lo­gi­en li­zen­zie­ren kön­nen?

Ant­wort: Nein. Hier­zu müs­sen je­doch drei Tei­la­spek­te er­läu­tert wer­den.

  1. Goo­gle ist mit nich­ten der ein­zi­ge Ent­wick­ler oder An­bie­ter von In­halts­er­ken­nungs­tech­no­lo­gi­en. Wie be­reits be­schrie­ben sind die­se z. T. in kos­ten­lo­se Ap­ps wie Shaz­am oder So­und­Hound in­te­griert. Durch die EU-Kom­mis­si­on selbst wur­de ein Über­blick von An­bie­tern von In­halts­er­ken­nungs­tech­no­lo­gi­en in ei­nem Ar­beits­do­ku­ment (An­nex 12A) zu­sam­men­ge­stellt, mut­maß­lich gibt es ab­ge­se­hen von den dort auf­ge­führ­ten noch sehr vie­le wei­te­re.
  2. Es gibt kei­ne Ver­pflich­tung zum Ein­satz von Fil­ter­tech­no­lo­gi­en, eben­so kön­nen Platt­for­men klei­ne­rer Art ei­ner­seits in­di­vi­du­el­le, nach Grö­ße und Art an­ge­pass­te Pau­schal­li­zen­zen er­wer­ben, sie­he hier­zu Ab­schnitt Be­droht die Re­form klei­ne Un­ter­neh­men? und zur Ent­fer­nung nicht­li­zen­sier­ter In­hal­te auch – dem Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit ent­spre­chend – auch we­sent­lich ein­fa­che­re Maß­nah­men ein­set­zen.
  3. Auch In­halts­er­ken­nungs­tech­no­lo­gi­en sind be­reits als Open Sour­ce-Lö­sun­gen ver­füg­bar, für Au­di­oda­tei­en et­wa Acous­tID oder echo­print, für Spra­cher­ken­nung et­wa CMUS­phinx, Ope­nEars, die Lis­te lie­ße sich je nach Art des zu prü­fen­den Ma­te­ri­als si­cher­lich noch fort­set­zen.

Es ist da­her nicht da­von aus­zu­ge­hen, dass al­lein Goo­gle ei­ne markt­be­herr­schen­de Stel­lung für In­halts­er­ken­nungs­tech­no­lo­gi­en er­hal­ten oder be­hal­ten wird. Dies wür­de auch klar dem Ziel der Richt­li­nie zu­wi­der­lau­fen, da die­se ja eben der markt­be­herr­schen­den Stel­lung von Un­ter­neh­men wie Goo­gle ent­ge­gen­wir­ken soll.

Der Ein­wand ist trotz­dem grund­sätz­lich be­rech­tigt, da Goo­gle / Al­pha­bet das in an­de­ren Ge­schäfts­be­rei­chen in der Ver­gan­gen­heit ge­lun­gen ist. Die Er­fah­rung zeigt je­doch, dass für na­he­zu je­de Art von Soft­wa­re in­ner­halb kur­z­er Zeit ein oder meh­re­re Open Sour­ce-Ge­gen­stücke ent­wi­ckelt wer­den (bzw. auch in die­sem Be­reich sind), mög­li­cher­wei­se nicht mit iden­ti­schem Funk­ti­ons­um­fang. Ein Oli­go­pol we­ni­ger Fil­teran­bie­ter, wie auch vom Bun­des­da­ten­schutz­be­auf­trag­ten Kel­ber be­fürch­tet, muss da­her als mög­li­che Fol­ge der Re­form Be­rück­sich­ti­gung fin­den, der­zeit scheint ein sol­ches al­ler­dings sehr un­wahr­schein­lich.

Ein Über­blick über die The­ma­tik so­wie kos­ten­pflich­ti­ge und freie Lö­sun­gen spe­zi­ell für den Be­reich Au­dio fin­det sich bei Mu­sic­Brainz.

Fa­zit: Es gibt be­reits jetzt vie­le Mög­lich­kei­ten au­ßer­halb des Sys­tems Con­tentID von Goo­gle, und die An­zahl die­ser wird ten­den­zi­ell eher zu- als ab­neh­men.

Kann ei­ne An­wen­dung von li­zen­zier­ten Fil­tern zu Da­ten­schutz­pro­ble­men füh­ren?

Ant­wort: Po­ten­ti­ell ja. Der Da­ten­schutz wur­de in der Richt­li­nie des­we­gen auch ex­pli­zit be­rück­sich­tigt. Ar­ti­kel 13 Abs. 8 / Art. 17 Abs. 9 hält fest:

Die­se Richt­li­nie be­ein­träch­tigt in kei­ner Wei­se die be­rech­tig­te Nut­zung, et­wa die Nut­zung im Rah­men der im Uni­ons­recht fest­ge­leg­ten Aus­nah­men oder Be­schrän­kun­gen, und darf we­der zur Iden­ti­fi­zie­rung ein­zel­ner Nut­zer füh­ren noch als Rechts­grund­la­ge für die Ver­ar­bei­tung per­so­nen­be­zo­ge­ner Da­ten die­nen, au­ßer dies er­folgt im Ein­klang mit der Richt­li­nie 2002/58/EG und der Ver­ord­nung (EU) 2016/679.

This Directive shall in no way affect legitimate uses, such as uses under exceptions and limitations provided for in Union law, and shall not lead to any identification of individual users nor to the processing of their personal data, in accordance with Directive 95/46/EC, Directive 2002/58/EC and the General Data Protection Regulation.

Die Ver­ar­bei­tung per­so­nen­be­zo­ge­ner Da­ten so­wie die Iden­ti­fi­ka­ti­on in­di­vi­du­el­ler Nut­zer durch Maß­nah­men des Art. 13 / Art. 17 wer­den durch die Richt­li­nie aus­drück­lich un­ter­sagt. Et­wai­ge Aus­nah­men sind an die An­wen­dung der DS-GVO ge­bun­den.

Die­ser Ein­wand zählt zu den we­ni­gen tat­säch­lich sub­stan­ti­ier­ten. Un­ter an­de­rem wur­de er vor­ge­tra­gen durch den Bun­des­da­ten­schutz­be­auf­trag­ten Ul­rich Kel­ber. Die­ser je­doch er­wähnt nicht Art. 13 Abs. 8 / Art. 17 Abs. 9, wei­ter­hin eben­falls nicht den Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit, nach dem ein ver­pflich­ten­der Ein­satz von In­halts­er­ken­nungs­tech­no­lo­gi­en al­lein aus Kos­ten­grün­den für klei­ne Platt­for­men un­ver­hält­nis­mä­ßi­ge Auf­la­gen dar­stel­len wür­den.

Kann die Mei­nungs­frei­heit durch feh­ler­haf­te In­halts­er­ken­nung ein­ge­schränkt wer­den?

Ant­wort: In­halts­er­ken­nungs­tech­no­lo­gi­en ar­bei­ten zwar feh­ler­haft, dif­fe­ren­zie­ren da­bei nicht nach Mei­nun­gen.

Kor­rekt ist, dass In­halts­er­ken­nungs­tech­no­lo­gi­en auch im Zeit­al­ter von KI im­mer noch sehr un­ge­nau sind und da­her bes­ten­falls in Fra­ge kom­men um bei der Iden­ti­fi­zie­rung Li­zenz­pflich­ti­ger In­hal­te Hil­fe­stel­lung zu leis­ten, nicht aber die­se au­to­nom durch­füh­ren kön­nen. Es ist durch­aus mög­lich, dass auch In­hal­te von ih­nen er­fasst wer­den die ei­ne Mei­nungs­äu­ße­rung dar­stel­len, aber bspw. durch Ver­wen­dung von Mu­sik ei­nem Scan­ner / Fil­ter ein falsch­po­si­ti­ves Er­geb­nis lie­fern. Ab­hän­gig wä­re das da­bei aber nicht von der Art und Wei­se der Mei­nung, die ge­äu­ßert wird, son­dern ob sie ir­gend­ei­ne Ähn­lich­keit mit ei­nem ur­he­ber­recht­lich ge­schütz­ten In­halt hat, der der Platt­form als rechts­wid­rig ein­ge­stellt ge­mel­det wur­de.

Die Richt­li­nie führt da­ge­gen erst­mals ein Wi­der­spruchs­recht so­wie ei­ne Ver­pflich­tung der Pro­vi­der zur Über­prü­fung durch mensch­li­ches Ur­teil im Fall von Lö­schun­gen oder Sper­run­gen ein, um ge­nau die­sem Pro­blem ent­ge­gen­zu­wir­ken.

Die­ses ist ver­brieft in Art. 13 Abs. 8 / Art. 17 Abs. 9:

Die Mitgliedstaaten sehen vor, dass Diensteanbieter für das Teilen von Online-Inhalten den Nutzern ihrer Dienste im Fall von Streitigkeiten über die Sperrung des Zugangs zu den von diesen hochgeladenen Werken oder sonstigen Schutzgegenständen bzw. über die Entfernung der von diesen hochgeladenen Werke oder sonstigen Schutzgegenstände wirksame und zügige Beschwerde- und Rechtsbehelfsverfahren zur Verfügung stellen.

Verlangen Rechteinhaber die Sperrung des Zugangs zu ihren Werken oder sonstigen Schutzgegenständen oder die Entfernung dieser Werke oder sonstigen Schutzgegenstände, so begründen sie ihr Ersuchen in angemessener Weise. Im Rahmen des in Unterabsatz 1 vorgesehenen Verfahrens eingereichte Beschwerden sind unverzüglich zu bearbeiten, und Entscheidungen über die Sperrung des Zugangs zu hochgeladenen Inhalten bzw. über die Entfernung hochgeladener Inhalte sind einer von Menschen durchgeführten Überprüfung zu unterziehen.

Member States shall provide that an online sharing service provider puts in place an effective and expeditious complaint and redress mechanism that is available to users of the service in case of disputes over the removal of or disabling access to works or other subject matter uploaded by them.

When rightholders request to remove or disable access to their specific works or other subject matter, they shall duly justify the reasons for their requests. Complaints submitted under this mechanism shall be processed without undue delay and decisions to remove or disable access to uploaded content shall be subject to human review.

Ein au­to­ma­ti­sches Lö­schen nach Ein­gang ei­ner oder vie­ler (evtl. vor­sätz­lich falscher) Be­schwer­den ist da­her ex­pli­zit aus­ge­schlos­sen. Un­klar bleibt da­bei al­ler­dings, ob das an­ge­spro­che­ne „hu­man re­view“ auch für die An­wen­dung von In­halts­er­ken­nungs­tech­no­lo­gi­en ver­bind­lich ist, mut­maß­lich des­halb weil die­se durch die Richt­li­nie ins­ge­samt nicht er­wähnt wer­den. Dies wä­re trotz­dem ein be­rech­tig­ter Kri­tik­punkt, auch wenn er nicht in ers­ter Li­nie die Mei­nungs­frei­heit be­trifft.

Fa­zit: Un­an­ge­mes­se­nes Lö­schen von In­hal­ten ist so­wohl mit als auch oh­ne In­halts­er­ken­nungs­tech­no­lo­gi­en nie­mals aus­zu­schlie­ßen, auch nach bis­he­ri­ger Rechts­la­ge nicht. Die Richt­li­nie sieht da­ge­gen erst­mals ent­spre­chen­de Hand­ha­be da­ge­gen vor.

Sind Dis­kus­si­ons­fo­ren da­von be­trof­fen?

Ant­wort: Grund­sätz­lich nicht. Ent­schei­dend ist aber, was ge­nau mit ei­nem „Fo­rum“ ge­macht wird.

Da­bei steht zu prü­fen:

  • Wird das Fo­rum ge­werb­lich / kom­mer­zi­ell be­trie­ben?
  • Wer­den im Rah­men die­ses kom­mer­zi­el­len Be­triebs frem­de ur­he­ber­recht­lich ge­schütz­te In­hal­te dort ver­öf­fent­licht?
  • Falls ja: Stel­len die­se den haupt­säch­li­chen oder einen haupt­säch­li­chen Zweck des Fo­rums dar und han­delt es sich um ei­ne „große Da­ten­men­ge“?

Die Fra­ge des kom­mer­zi­el­len oder ge­werb­li­chen Be­triebs ist nicht im­mer ein­deu­tig zu be­ant­wor­ten. Schal­tet der Be­trei­ber z. B. Wer­bung auf, so han­delt er in Ge­winn­er­zie­lungs­ab­sicht und da­mit kom­mer­zi­ell. Re­le­vant ist je­doch eben­so, ob der Be­trei­ber selbst ei­ne Mög­lich­keit zum Spei­chern und Ver­füg­bar­ma­chen für an­de­re Nut­zer be­reit­stellt. In den meis­ten Fäl­len sind z. B. You­Tu­be-Vi­deos le­dig­lich ein­ge­bet­tet, für den Fo­rums­be­trei­ber ist dies nach lau­fen­der Recht­spre­chung un­be­denk­lich. An­ders sieht das aus, wenn tat­säch­lich der Haupt­zweck oder ei­ner der Haupt­zwe­cke des Fo­rums dar­in be­steht, vom Nut­zer hoch­ge­la­de­ne und dort für an­de­re Nut­zer zu­griffs­be­reit ge­hal­te­ne Wer­ke in ei­ner Wei­se zu­gäng­lich zu ma­chen, dass da­mit ei­ne Be­wer­bung für ge­win­n­ori­en­tier­te Zwe­cke er­öff­net wä­re.

Für die meis­ten prak­ti­schen Fäl­le muss dies ver­neint wer­den. Fo­ren­be­trei­ber, die ei­ge­ne Mög­lich­kei­ten zur Spei­che­rung und Wie­der­ga­be (Fo­to­ga­le­ri­en, Stre­a­ming, etc.) vor­hal­ten, sind nur dann be­trof­fen wenn sie wie er­ör­tert a) in Ge­winn­er­zie­lungs­ab­sicht han­deln, b) dies ein haupt­säch­li­cher oder der haupt­säch­li­che Zweck des Fo­rums ist (et­wa: Fo­to-Com­mu­ni­ty mit deut­li­cher Be­to­nung auf Bild­ver­öf­fent­li­chung und Be­spre­chung) und c) Da­ten­men­gen von er­heb­li­cher Grö­ße ge­spei­chert wer­den.

Zum Be­griff ei­ner „großen Da­ten­men­ge“ sei kurz an­ge­führt, dass laut ei­ner 2015 ver­öf­fent­lich­ten An­ga­be 400 Stun­den HD-Vi­deo­ma­te­ri­al pro Mi­nu­te auf You­Tu­be ge­la­den wer­den. Von der haus­ei­ge­nen Emp­feh­lung ei­ner Da­ten­ra­te von 8000k­bit/s für Vi­deos mit 1080p bei mitt­ler­er Fra­me­ra­te aus­ge­gan­gen, er­ge­ben sich für ei­ne Mi­nu­te 8M­bit/s * 3600s * 400 = 1.44 TB pro Mi­nu­te. Mit­tels ein­fa­cher Hoch­rech­nung er­ge­ben sich 86.4 TB pro Stun­de und 2.07 PB (Pe­ta­byte) pro Tag (!). Die Ex­akt­heit oder Ak­tua­li­tät der An­ga­ben mag man dis­ku­tie­ren, leicht er­sicht­lich ist je­doch hieraus, dass ein Fo­rums­be­trei­ber schwer­lich auch nur an­nä­hernd ei­ne ähn­li­che Grö­ßen­ord­nung er­rei­chen wird.

Er­neut der Hin­weis: Für den be­schrie­be­nen Fall ei­nes Fo­to-Fo­rums be­steht je­doch wie be­reits aus­ge­führt, eben­falls kei­ne Pflicht zum Ein­rich­ten ir­gend­ei­ner be­stimm­ten tech­ni­schen In­fra­struk­tur („Upload-Fil­ter“), son­dern le­dig­lich zum Er­rei­chen ei­nes ab­strak­ten Ziels. Ob die­ses durch Mel­den von Nut­zern, Er­werb von Pau­schal­li­zen­zen oder den Ein­satz von Bil­der­ken­nungs­soft­wa­re ge­schieht, ist da­bei nicht ent­schei­dend.

Ei­ne end­gül­ti­ge oder ein­deu­ti­ge Ant­wort auf die Fra­ge gibt es da­her nicht. Theo­re­tisch ist es durch­aus denk­bar, dass ei­ne tech­nisch-in­fra­struk­tursei­tig als Dis­kus­si­ons­fo­rum an­ge­leg­te Soft­wa­re (Bei­spie­le: Wolt­lab Bur­ning Board, vBulle­tin­Board, phpBB etc) in vol­lem Um­fang als Con­tent-Sha­ring-Platt­form „zweck­ent­frem­det“ wird. Das wä­re zwar we­nig emp­feh­lens­wert, da un­nö­tig kom­pli­ziert und we­nig nut­zer­freund­lich, aber mög­lich.

Fa­zit: Die wirk­lich al­ler­meis­ten Fo­ren wer­den da­von nicht be­trof­fen sein.

Wird die Angst vor Ab­mah­nun­gen zu über­trie­be­nem Lö­schen füh­ren?

Ant­wort: Wenn ja, dann hängt das nicht mit der Richt­li­nie zu­sam­men.

Die­se Nach­fra­ge ist grund­sätz­lich be­rech­tigt. Wie schon aus­führ­lich be­schrie­ben ge­hen die Re­ge­lun­gen nicht son­der­lich weit ins De­tail und es lie­gen in man­chen Punk­ten auch noch kei­ne ge­richt­li­chen Ent­schei­dun­gen, Schrift­tum o. ä. als Richt­schnur vor.

Und ja, völ­lig kor­rekt: Ab­mah­nun­gen oder auch nur die Angst da­vor sind ein Är­ger­nis für je­den An­bie­ter und Be­trei­ber. Erst­ma­lig ei­ner brei­te­ren Öf­fent­lich­keit be­kannt wur­de die­se Pro­ble­ma­tik be­reits An­fang der 2000er Jah­re mit der sog. Im­pres­s­ums­pflicht und ent­spre­chen­den Ab­mah­nun­gen durch zwei­fel­haf­te An­walt­spra­xen. Seit­dem er­fol­gen Ab­mah­nun­gen in vie­ler­lei Kon­tex­ten, so­wohl das Ge­schäft mit ih­nen als auch zu ih­rer Ab­wehr hat sich mut­maß­lich äu­ßerst lu­kra­tiv ent­wi­ckelt.

Für ent­spre­chen­de Rechts­si­cher­heit im Vor­lauf des ei­gent­li­chen In­kraft­tre­ten ei­nes Rechts­ak­tes zu sor­gen ist Sa­che des Ge­setz­ge­bers auf EU-Mit­glieds­staa­te­ne­be­ne. Es gibt auch hier na­tür­lich ei­ne an­ge­mes­se­ne Über­gangs­zeit von zwei Jah­ren, in der die Be­stim­mun­gen auf na­tio­na­ler Ebe­ne aus­ge­ar­bei­tet und auch mit ent­spre­chen­den In­for­ma­tio­nen / Er­läu­te­run­gen für die Öf­fent­lich­keit be­reit ge­stellt wer­den.

Ei­ner der letz­ten Pro­zes­se an dem sich das an­schau­lich be­ob­ach­ten ließ ist die – durch­aus auch in man­cher Hin­sicht kon­tro­ver­se – DSGVO. Für ei­ne Dar­stel­lung von In­for­ma­tio­nen da­zu sie­he z. B. das BMI - FAQ zur Da­ten­schutz-Grund­ver­ord­nung, eben­so des Bun­des­da­ten­schutz­be­auf­trag­ten. Ins­be­son­de­re beim BMI ist der Ab­satz „Dro­hen jetzt exis­tenz­ge­fähr­den­de Buß­gel­der?“ ei­ner der wich­tigs­ten, weil dies ei­ne der meist­be­fürch­te­ten Fol­gen der DSGVO war. Auch hier wird auf den Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit ver­wie­sen. Ei­ne Ab­mahn­wel­le in­fol­ge der Ein­füh­rung der DSGVO ist üb­ri­gens aus­ge­blie­ben, sie­he da­zu Mel­dun­gen bei ta­ges­schau.de, ta­ges­s­pie­gel.de.

Ein in die­sem Kon­text in­ter­essan­tes Ur­teil wur­de im Ja­nu­ar die­ses Jahrs er­las­sen durch das LG Mag­de­burg, Land­ge­richt Mag­de­burg, AZ 36 O 48/18, 18.01.2019, Rn 21:

Denn die DS-GVO ent­hält ein ab­schlie­ßen­des Sank­ti­ons­sys­tem, wel­ches nur der Per­son, de­ren Rech­te auf in­for­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung ver­letzt wor­den sind, oder der Auf­sichts­be­hör­de oder der Kla­ge ei­nes Ver­ban­des ei­ne Rechts­durch­set­zung er­laubt (Köh­ler/Born­kamm/Fed­der­sen/Köh­ler, UWG, Rn. 1.74 b zu § 3 a, zi­tiert nach beck-on­li­ne, Stand 37. Auf­la­ge 2019).

We­sent­lich in­ter­essan­ter noch ist Rn 23:

Schließ­lich bie­tet Art. 58 DS-GVO den Auf­sichts­be­hör­den einen ab­ge­stuf­ten Ka­ta­log ver­schie­de­ner be­hörd­li­cher Maß­nah­men, die von ei­nem blo­ßen Hin­weis bis zu ei­ner Geld­bu­ße rei­chen. Es be­steht die Ge­fahr, dass die­ses am Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­prin­zip ori­en­tier­te Sys­tem un­ter­lau­fen wird, wenn da­ne­ben das Wett­be­werbs­recht mit den er­heb­li­chen Streit­wer­ten und Ver­trags­stra­fen An­wen­dung fän­de (Köh­ler/Born­kamm/Fed­der­sen/Köh­ler, a.a.O., Rn. 1.40 g).

Zu Sank­tio­nen be­rech­tigt sind laut LG Mag­de­burg nur die ge­nann­ten Stel­len. Eben­so sind die­se an den Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­satz ge­bun­den. Zwar ist nicht ge­sagt dass im Fall der Ur­he­ber­rechts­no­vel­le ge­nau so ge­re­gelt sein wird. Der Ge­setz­ge­ber hat mit der Um­set­zung der DSGVO auf Bun­des­ebe­ne je­doch ge­zeigt dass ins­be­son­de­re die Pro­ble­ma­tik un­lau­te­rer an­walt­li­cher Pra­xis (die im Er­geb­nis zu ei­ner Ein­schüch­te­rung von Be­trei­bern und Nut­zern führt) un­er­wünscht ist und über wirk­sa­me ge­setz­ge­be­ri­sche Maß­nah­men ei­ne eben­sol­che un­ter­bun­den wer­den kann und auch wor­den ist.

Wei­te­re ak­tu­el­le Ge­setz­ge­bungs­ver­fah­ren sol­len die un­se­ri­öse Pra­xis miss­bräuch­li­cher Ab­mah­nun­gen ein­däm­men. Hier­bei muss je­doch auch Be­rück­sich­ti­gung fin­den, dass die Ab­mah­nung als Ab­wehr­in­stru­ment ge­gen un­lau­te­ren Wett­be­werb grund­sätz­lich ih­re Da­seins­be­rech­ti­gung hat. Im Er­geb­nis kann ge­sagt wer­den, dass das Pro­blem auf Sei­ten des Ge­setz­ge­bers er­kannt und des­sen Be­he­bung sich im ak­ti­ven Pro­zess be­fin­det.

Nach­trag 01. Ju­ni 2019: Am 15. Mai 2019 hat das Bun­des­ka­bi­nett den Ent­wurf ei­nes „Ge­set­zes zur Stär­kung des fai­ren Wett­be­werbs“ auf den Weg ge­bracht, mit dem schär­fer ge­gen Ab­mahn­miss­brauch vor­ge­gan­gen wer­den soll. Mit­be­wer­ber kön­nen bei­spiels­wei­se bei Ver­stö­ßen ge­gen Kenn­zeich­nungs- und In­for­ma­ti­ons­pflich­ten im In­ter­net kei­ne kos­ten­pflich­ti­gen Ab­mah­nun­gen mehr aus­spre­chen und bei ei­ner erst­ma­li­gen Ab­mah­nung kein Ver­spre­chen ei­ner Ver­trags­stra­fe for­dern.

Fa­zit: So­wohl die Angst vor Ab­mah­nun­gen als auch hieraus fol­gen­de über­mä­ßi­ge Lö­schung von In­hal­ten sind un­be­grün­det.

Ger­ne je­doch darf man an die­ser Stel­le kri­tisch dar­über nach­den­ken ob ei­ne der­ar­ti­ge „prä­ven­ti­ve“ Lösch­pra­xis durch ein­schlä­gi­ge Kam­pa­gnen be­güns­tigt wird, die we­nig tat­säch­li­che In­for­ma­tio­nen ver­mit­teln, da­bei aber vie­le und um­so dif­fu­se­re Ängs­te in­du­zie­ren.

Diskussion

Warum gibt es so vie­le Kon­tro­ver­sen we­gen die­ser Re­form?

Ant­wort: Gibt es lei­der kei­ne ein­fa­che.

Im We­sent­li­chen müs­sen hier min­des­tens drei be­stim­men­de Fak­to­ren aus­ge­macht wer­den.

Das grund­sätz­li­che Miss­trau­en ge­gen­über der Po­li­tik, ins­be­son­de­re auf eu­ro­päi­scher Par­la­ment­sebe­ne zeigt lei­der auch hier sei­ne Aus­wir­kun­gen und tritt in vie­len Dis­kus­sio­nen, die Künst­ler, Jour­na­lis­ten, Au­to­ren, Mu­si­ker und an­de­re Ur­he­ber zur Zeit füh­ren müs­sen, zu­ta­ge. Aber nicht nur dort: In al­len Län­dern der EU sind mitt­ler­wei­le „eu­ros­kep­ti­sche“ Par­tei­en ver­tre­ten, und auch im EU-Par­la­ment selbst. Und sie gel­ten un­zwei­deu­tig als Geg­ner der Richt­li­nie.

Die of­fen­sicht­li­che Be­ein­flus­sung der öf­fent­li­chen Dis­kus­si­on durch die Deu­tungs­ho­heit, die Kon­zer­ne wie Goo­gle mitt­ler­wei­le ha­ben, führt zu ei­ner ver­zerr­ten Wahr­neh­mung der tat­säch­li­chen In­hal­te der Re­form. Dies wird al­lein dar­an deut­lich, dass haupt­säch­lich über Ar­ti­kel 13 dis­ku­tiert wird. Du­bi­os fi­nan­zier­te NGOs bie­ten Rei­se­kos­ten­er­stat­tung für Ak­ti­vis­ten nach Straß­burg, ei­ne Kam­pa­gne von You­Tu­be na­mens „Crea­te Re­fresh“ be­zahl­te zahl­rei­che „In­flu­encer“ für kri­ti­sche Bei­trä­ge, die das Ge­schäfts­mo­dell des Kon­zerns schütz­ten – was al­ler­dings min­des­tens ein­mal nach hin­ten los­ging, so im Fall ei­nes fran­zö­si­schen Künst­ler­kol­lek­tivs (Un­ter­ti­tel hel­fen).

Tat­säch­lich je­doch darf man die Ur­sa­chen nicht nur auf der einen Sei­te se­hen. Auch zwei Wo­chen vor der fi­na­len Ab­stim­mung im Par­la­ment lag der Text der Richt­li­nie bis­lang nur auf Eng­lisch vor. Dies führ­te zu Un­klar­hei­ten über de­ren tat­säch­li­chen In­halt, was an vie­len Stel­len in Spe­ku­la­tio­nen und z. T. Schre­cken­s­phan­tasi­en vom „En­de des frei­en In­ter­nets“ en­de­te.

Es ist nicht Schuld der Po­li­ti­ker im Par­la­ment, wenn Vor­gän­ge wie ei­ne sol­che Über­set­zung Zeit in An­spruch neh­men, tat­säch­lich je­doch bil­det der An­schein, dass – noch da­zu kurz vor En­de der Le­gis­la­tur­pe­ri­ode – mit mög­lichst knapp be­mes­se­ner Mit­be­stim­mungs­zeit des EU-Bür­gers ein aus sei­ner Per­spek­ti­ve un­durch­sich­ti­ges Ge­setz­ge­bungs­vor­ha­ben durch­ge­bracht wer­den soll, einen idea­len Nähr­bo­den für Ge­rüch­te, Ver­schwö­rungs­theo­ri­en und Angst. Der ab­sur­de Vor­wurf, die CDU wol­le You­Tu­be gänz­lich ver­bie­ten, ist nur ein Bei­spiel für die haar­sträu­ben­den Aus­wüch­se ei­ner sol­chen po­li­ti­schen „Netz­kul­tur“.

Wer un­ter­stützt die Re­form?

An­ders als gän­gi­ger­wei­se vor­ge­wor­fen, han­delt es sich bei den Un­ter­stüt­zern kei­nes­wegs um ei­ne „Lob­by“ son­dern mehr­heit­lich um Ar­beit­neh­mer­ver­tre­tun­gen der künst­le­ri­schen Be­ru­fe.

Im deutsch­spra­chi­gen Raum ha­ben sich über 140.000 in Ver­bän­den or­ga­ni­sier­te Ur­he­ber in der In­itia­ti­ve Ur­he­ber­recht zu­sam­men­ge­schlos­sen, die die Re­form un­ter­stützt. Eu­ro­pa­weit sind es min­des­tens 269 der ge­nann­ten Ver­bän­de, hier­bei ver­tre­ten sind Mu­si­ker, bil­den­de Künst­ler, Film- und Büh­nen­schaf­fen­de, (Dreh­buch-) Au­to­ren, De­si­gner, Jour­na­lis­ten, Re­gis­seu­re und Fo­to­gra­fen.

An mu­si­kre­le­van­ten sind in je­dem Fall zu nen­nen:

  • Deut­sche Or­che­s­ter­ver­ei­ni­gung
  • Ver­band deut­scher Kom­po­nis­ten
  • DEF­KOM (Deut­sche Film­kom­po­nis­tenu­ni­on)
  • Bun­des­ver­band me­dia­mu­sic e. V.
  • Uni­on Deut­scher Jazz­mu­si­ker

Klei­ne und mit­tel­stän­di­sche Mu­sik­un­ter­neh­men aus dem Ton­trä­ger­be­reich, d. h. In­die-La­bels wer­den durch den VuT re­prä­sen­tiert. Selbst­ver­ständ­lich sind auch Dach­ver­bän­de un­ter den Un­ter­stüt­zern, et­wa:

  • Deut­scher Mu­si­krat
  • Deut­scher Kul­tur­rat

Eben­so die Ge­werk­schafts­ver­ei­ni­gun­gen ver.di und DGB.

Warum pro­tes­tier­te Wi­ki­pe­dia da­ge­gen, ob­wohl sie als Pro­jekt gar nicht be­trof­fen ist?

Ant­wort: Nicht­kom­mer­zi­el­le On­li­ne-En­zy­klo­pä­di­en – da­her zwei­fels­frei auch Wi­ki­pe­dia – sind in der Tat ex­pli­zit vom Richt­li­nienent­wurf aus­ge­nom­men. Das heißt im Ge­gen­zug na­tür­lich nicht, dass sie die­sen des­we­gen un­ter­stüt­zen müs­sen. Um die Po­si­ti­on von Wi­ki­pe­dia Deutsch­land ein­zu­ord­nen, muss man al­ler­dings min­des­tens drei Din­ge wis­sen:

  1. Die Wi­ki­me­dia Foun­da­ti­on, Trä­ge­rin von Wi­ki­pe­dia, ist als ge­mein­nüt­zi­ge Or­ga­ni­sa­ti­on auf Spen­den an­ge­wie­sen. Spen­der sind nach ei­nem Be­richt der SZ (Fe­bru­ar 2019) un­ter an­de­rem Ad­o­be, Ap­p­le, Cis­co, Goo­gle, Hew­lett Packard, Oracle, Net­flix so­wie Sa­les­for­ce. Goo­gle als ei­ner der größ­ten Spon­so­ren hat kürz­lich einen Be­trag von 3,1 Mil­lio­nen Dol­lar an Wi­ki­pe­dia ge­spen­det und da­mit die Ge­samt­heit der Zu­wen­dun­gen in der letz­ten De­ka­de auf 7,5 Mil­lio­nen Dol­lar er­höht.
  2. Wi­ki­pe­dia hat nicht nur seit ei­ni­ger Zeit ein ernst­zu­neh­men­des Ak­tua­li­täts­pro­blem, son­dern be­reits seit län­ge­rer Zeit kon­ti­nu­ier­lich we­ni­ger Au­to­ren. Die An­zahl der Ad­mins nimmt seit 2008 nach ei­ge­nen An­ga­ben im­mer wei­ter ab, glei­ches gilt für die Be­ar­bei­tun­gen und Zu­grif­fe ins­ge­samt. Die ZEIT ti­tel­te zum 15. Ge­burts­tag der En­zy­klo­pä­die: „Hap­py Bir­th­day, Sor­gen­kind!“ Es be­darf kei­ner nä­he­ren Er­läu­te­rung, wel­che Fol­gen ei­ne der­ar­ti­ge Ent­wick­lung nach sich zieht.
  3. Ei­ne kur­ze Re­cher­che zu den Köp­fen der Wi­ki­me­dia Foun­da­ti­on Deutsch­land e. V. so­wie even­tu­el­ler Ver­bin­dun­gen zu NGOs wie iRights, Di­gi­ta­le Ge­sell­schaft und Crea­ti­ve Com­mons (spon­so­red by...) soll­te die o. g. Fra­ge ab­schlie­ßend klä­ren.

Für das Zu­stan­de­kom­men der Ab­schal­tung der deut­schen Wi­ki­pe­dia am 21. März 2019 sei auf die­sen Kom­men­tar der FAZ ver­wie­sen, der ei­ni­ge wei­te­re Hin­ter­grün­de of­fen­legt. Tref­fend kann der Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Mi­cha­el See­mann (o. a. Ar­ti­kel) zi­tiert wer­den, dass „die Kri­se der Wi­ki­pe­dia ein Sinn­bild für die Kri­se der di­gi­ta­len Ge­sell­schaft und da­mit der Ge­sell­schaft im Gan­zen [ist].“

Schluss­be­trach­tung

Ich hof­fe mit die­sem Über­blick die drin­gends­ten Fra­gen be­ant­wor­tet zu ha­ben.

Wir fas­sen in 10 Punk­ten zu­sam­men:

  1. Die Re­form ist auf An­bie­ter be­stimm­ter Art und Grö­ße be­schränkt.
  2. Sie ver­pflich­tet die­se zur Li­zen­zie­rung von In­hal­ten. Die Mög­lich­kei­ten zur Li­zen­zie­rung wer­den ver­ein­facht und er­wei­tert.
  3. Sie ver­pflich­tet zum Ein­satz wirk­sa­mer Maß­nah­men ge­gen rechts­wid­ri­ges Ein­stel­len ur­he­ber­recht­lich ge­schütz­ter In­hal­te. Die­se Ver­pflich­tung ist ge­knüpft an die Vor­aus­set­zung ei­ner Mel­dung der­ar­ti­ger In­hal­te, so­wie not­wen­di­ger In­for­ma­tio­nen zu de­ren Iden­ti­fi­ka­ti­on.
  4. Es sind kei­ne be­stimm­ten tech­ni­schen oder sons­ti­gen Maß­nah­men da­bei vor­ge­schrie­ben.
  5. Ei­ne all­ge­mei­ne Prüf­pflicht für Platt­for­min­hal­te wird ex­pli­zit aus­ge­schlos­sen.
  6. Al­le Maß­nah­men zu de­nen Platt­for­man­bie­ter ver­pflich­tet sind, wer­den aus­drück­lich am Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit ori­en­tiert, ins­be­son­de­re im Hin­blick auf de­ren tech­ni­sche Mög­lich­keit und Kos­ten. Aus­nah­men für Start-Ups sind fest­ge­hal­ten.
  7. Die Re­form bringt Nut­zer in ei­ne rechts­si­che­re Po­si­ti­on.
  8. Nut­zern wer­den um­fas­sen­de Wi­der­spruchs­rech­te bei der Ein­schrän­kung der Ver­füg­bar­keit von In­hal­ten ein­ge­räumt.
  9. Das Recht auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung so­wie In­for­ma­ti­on und Kom­mu­ni­ka­ti­on wird nicht an­ge­tas­tet. Be­stimm­te For­men die­ser sind da­bei ge­son­dert ge­schützt.
  10. Der Da­ten­schutz ist be­rück­sich­tigt.

Die Mei­nungs-, die In­for­ma­ti­ons- und Pres­se­frei­heit sind ho­he Gü­ter, die durch das Ur­he­ber­recht je­doch nicht ein­ge­schränkt, son­dern erst ver­wirk­licht wer­den.

Zur Zeit be­steht ei­ne Schief­la­ge auf zwei Ebe­nen. Die ers­te be­trifft Ge­schäfts­mo­del­le, die auf der kon­se­quen­ten Miss­ach­tung des Ur­he­ber­rechts und des geis­ti­gen Ei­gen­tums ba­sie­ren. Die zwei­te be­trifft die Wahr­neh­mung, die in ge­nau eben­die­sem Ge­schäfts­mo­dell, ähn­lich ei­ner Fa­ta Mor­ga­na, die Oa­se ei­ner wah­ren Frei­heit zu er­bli­cken glaubt. Die­ser Sin­nes­täu­schung – die kaum grö­ßer sein könn­te – nach­zu­ge­ben, be­deu­te­te den sprich­wört­li­chen Irr­gang in die di­gi­ta­le Wüs­te an­zu­tre­ten.

Die Re­form ist ein Schritt zur Be­sei­ti­gung ei­nes Un­gleich­ge­wichts zwi­schen großen Kon­zer­nen und Ur­he­bern, die das Wachs­tum die­ser Kon­zer­ne erst er­mög­licht ha­ben. Er ist nicht nur drin­gend not­wen­dig, son­dern auch über­fäl­lig.

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